Ares und das Geheimnis des verschwundenen blauen Balls
Es war ein wunderschöner Herbstnachmittag auf der Verfassungswiese. Die Sonne schien durch die Bäume, deren Blätter inzwischen in allen Farben leuchteten. Goldgelb, rostrot, orange und braun wirbelten sie durch die Luft, und überall auf der Wiese hatten sich große, herrlich raschelnde Laubhaufen gebildet. Für die Dackelbande gab es kaum etwas Schöneres. Und für einen ganz bestimmten kleinen Dackel war dieser Herbst geradezu ein Paradies.
Ares liebte nämlich zwei Dinge ganz besonders: seinen blauen Ball und die vielen bunten Herbstblätter.
Sein blauer Ball war allerdings nicht irgendein Ball. Er war Ares’ ganzer Stolz. Man konnte wunderbar darauf herumkauen, ihn durch die Gegend tragen und vor allem damit quietschen. Und wie Ares quietschen konnte! Mal kurz und energisch, mal dreimal hintereinander, manchmal auch so lange, bis Ajax, der Hüter der Verfassung, seinen Kopf hob und bemerkte: „Ares, die Freiheit zur Entfaltung der eigenen Persönlichkeit ist ein hohes Gut. Aber vielleicht könnten wir uns gelegentlich auch einmal über die Freiheit der anderen Dackel unterhalten, nicht ständig quietschende Geräusche hören zu müssen.“
Ares hatte dann immer sehr verständnisvoll geschaut, den Kopf ein wenig schief gelegt und anschließend besonders kräftig gequietscht.
An diesem Nachmittag war Ares mit seinem blauen Ball über die Verfassungswiese gelaufen. Er hatte ihn vor sich hergeschubst, war hinterhergesprungen, hatte ihn wieder eingesammelt und war schließlich bei seinem Lieblingsplatz angekommen: dem großen Laubsack, in dem er sich vor einigen Tagen einen herrlichen Beobachtungsposten eingerichtet hatte.
Der Sack lag etwas abseits unter einem alten Baum. Ares hatte es sich darin so gemütlich gemacht, dass er von dort aus die ganze Dackelbande beobachten konnte, ohne selbst ständig an den Spielen teilnehmen zu müssen. Er war schließlich ein Dackel, der nicht nur spielen, sondern auch nachdenken konnte.
Heute allerdings war ihm zunächst mehr nach Spielen zumute.
Er sprang mit seinem blauen Ball mitten in einen großen Laubhaufen.
Raschel, raschel, raschel!
Die Blätter flogen nach allen Seiten. Ares tauchte vollständig unter, erschien zwei Sekunden später wieder und hatte ein großes gelbes Blatt auf dem Kopf. Sein Ball quietschte vergnügt.
„QUIETSCH! QUIETSCH!“
„Da ist ja unser Ares!“, rief Bautz, der gerade mit Bossi einen besonders schönen Laubhaufen untersuchte.
„Wo denn?“, fragte Bossi.
„Na, da, wo es quietscht!“
Das war tatsächlich eine sehr zuverlässige Methode, Ares zu finden.
Doch dann geschah etwas Ungewöhnliches.
Ares hatte gerade einen besonders großen Schwung Blätter mit seiner Nase in die Luft geworfen, als ein kräftiger Windstoß über die Verfassungswiese fegte. Die Blätter wirbelten durcheinander, ein ganzer Laubhaufen wurde auseinandergeblasen, und Ares sprang begeistert hinterher.
Er rannte nach links, nach rechts, machte einen kleinen Hüpfer, versuchte ein besonders schönes rotes Blatt zu fangen und vergaß für einen kurzen Augenblick alles andere.
Auch seinen blauen Ball.
Als er sich schließlich wieder beruhigt hatte, schaute er auf den Boden.
Der Ball war weg.
Ares blinzelte.
Er schaute nach links. Nichts.
Er schaute nach rechts. Auch nichts.
Er steckte seine Nase in den nächsten Laubhaufen. Wieder nichts.
Dann setzte er sich hin und überlegte.
Ein blauer Ball konnte schließlich nicht einfach verschwinden. Er hatte keine Beine. Er konnte nicht fliegen. Und normalerweise quietschte er auch nicht von allein.
Ares wurde unruhig.
Er suchte unter einem Busch, hinter einem Baumstamm, zwischen den Wurzeln der großen Buche und schließlich sogar unter einem kleinen Maulwurfshügel. Aber sein geliebter Ball blieb verschwunden.
Jetzt musste Hilfe her.
„Wuff! Wuff!“, rief Ares so laut, dass sämtliche Dackel auf der Verfassungswiese aufhorchten.
Als Erster kam Bautz angelaufen.
„Was ist denn los?“
Ares schaute ihn verzweifelt an. „Mein Ball ist weg!“
Bautz erstarrte.
„Der blaue?“
Ares nickte.
„Der, der immer quietscht?“
Ares nickte wieder.
„Der, mit dem du morgens quietschst, mittags quietschst und abends quietschst?“
„Ja, genau der!“
Bautz dachte einen Augenblick nach.
„Das ist allerdings ernst. Sehr ernst sogar.“
Wenig später hatte sich die gesamte Dackelbande versammelt.
Ajax übernahm selbstverständlich die Leitung der Suchaktion.
„Meine Herren“, begann er würdevoll, „wir haben einen Fall von erheblicher Bedeutung für das persönliche Wohlbefinden eines Mitglieds unserer Gemeinschaft. Es geht um Eigentum, Vertrauen und die Frage, wie wir einander helfen, wenn etwas verloren geht.“
Lump hob den Kopf.
„Ist der Ball essbar?“
„Nein“, antwortete Ares.
„Dann verstehe ich die Aufregung nicht ganz“, bemerkte Lump, „aber ich helfe natürlich trotzdem.“
Axel war bereits losgerannt. Er war ein Dackel der schnellen Entscheidungen und hielt nicht viel von zu langen Beratungen.
„Ich suche da drüben!“, rief er und sprang kopfüber in einen Laubhaufen.
Eine gewaltige Wolke bunter Blätter stieg auf.
„Nichts!“, meldete Axel.
Balder, der älteste und erfahrenste Dackel der Bande, schüttelte seinen grauen Kopf. Die hellen Haarringe um seine Augen ließen ihn dabei besonders weise aussehen.
„Ihr müsst systematisch vorgehen“, erklärte er. „Ein Ball verschwindet nicht einfach. Man muss sich erinnern, wo man ihn zuletzt gesehen hat.“
„Im Laub!“, antwortete Ares.
Balder blickte über die Verfassungswiese.
Überall lag Laub.
„Das“, sagte er nach einer kleinen Pause, „grenzt die Sache natürlich nicht besonders ein.“
Caius hatte inzwischen eine eigene Idee entwickelt. Er war schließlich der unbestrittene Meister des geduldigen Beobachtens. Wenn er eine Maus unter der Erde hören konnte, musste es doch möglich sein, einen blauen Ball unter Blättern aufzuspüren.
Er stellte sich elegant auf drei Pfoten, hob die vierte leicht an und lauschte.
Alle warteten gespannt.
Nach einer Weile erklärte Caius: „Ich höre nichts.“
„Vielleicht musst du auf den Ball springen“, schlug Eddi vor.
„Ein Ball bewegt sich nicht wie eine Maus“, antwortete Caius etwas beleidigt.
„Unser Ball quietscht aber!“, rief Ares hoffnungsvoll.
„Nur wenn jemand daraufbeißt“, stellte Ajax fest.
Damit war diese Suchmethode vorläufig erledigt.
Bossi versuchte es mit seiner besonders kräftigen Nase. Er schnüffelte an jedem Laubhaufen und schob die Blätter mit solcher Begeisterung zur Seite, dass bald kaum noch einer der ursprünglichen Haufen existierte.
Gaius entwickelte unterdessen eine richtige Suchordnung. Er teilte die Wiese gedanklich in einzelne Abschnitte ein und erklärte, dass jeder Dackel einen bestimmten Bereich übernehmen müsse.
„Sonst suchen wir dreimal an derselben Stelle und übersehen die anderen!“
Das fand Ajax ausgezeichnet.
„Eine klare Zuständigkeitsverteilung“, bemerkte er, „ist auch bei einer Dackelbande von erheblichem Vorteil.“
Eddi hingegen hatte eine ganz andere Theorie.
„Vielleicht ist der Ball in den Teich gerollt!“
Alle schauten ihn an.
Dass Eddi bei jeder sich bietenden Gelegenheit an den Teich dachte, war schließlich nichts Neues.
„Ich werde das überprüfen“, erklärte er entschlossen.
„Du wirst vor allem nicht ins Wasser springen“, sagte Ajax. „Wir suchen einen Ball und brauchen keine zusätzliche Rettungsaktion.“
Eddi seufzte. Das Leben unter einer geordneten Verfassung konnte manchmal ziemlich anstrengend sein.
Währenddessen hatte Lump einen kleinen braunen Gegenstand unter einem Busch entdeckt.
„Ich habe etwas gefunden!“
Alle rannten zu ihm.
Es war ein alter Kastanienrest.
Lump betrachtete ihn eingehend.
„Schade“, sagte er. „Ich hatte auf ein Stück Schweineohr gehofft.“
Die Sonne stand inzwischen schon etwas tiefer. Die Schatten der Bäume wurden länger, und der Wind trieb immer neue Blätter über die Wiese.
Ares saß traurig neben Bautz.
„Vielleicht finde ich meinen Ball nie wieder“, sagte er leise.
Bautz stupste ihn freundlich mit der Nase an.
„Doch, den finden wir. Schließlich sind wir die Dackelbande. Und die Dackelbande gibt nicht auf.“
Auch Balder kam herüber.
„Weißt du, Ares“, sagte er freundlich, „manchmal sucht man etwas überall, nur nicht dort, wo es eigentlich hingehört.“
Ares schaute ihn nachdenklich an.
„Wo es hingehört?“
„Nun ja“, meinte Balder. „Wo bewahrst du denn die Dinge auf, die dir besonders wichtig sind?“
Ares überlegte.
Seine Knochen versteckte er gern unter Büschen. Seine schönsten Stöckchen lagen manchmal hinter einem Baum. Und wenn er ganz besonders glücklich war, zog er sich mit seinem blauen Ball in seinen gemütlichen Laubsack zurück.
Plötzlich stellte Ares die Ohren auf.
Sein Laubsack!
Den hatte bei der ganzen Suche noch niemand untersucht.
Der große Sack lag immer noch unter dem alten Baum. Allerdings war er inzwischen kaum wiederzuerkennen. Der Wind hatte im Laufe des Nachmittags so viele neue Blätter hineingeweht, dass er fast bis zum Rand gefüllt war.
„Da müssen wir nachsehen!“, rief Ares.
Er rannte los, Bautz direkt hinterher. Bald folgte die ganze Dackelbande.
Vor dem Laubsack blieb Ares stehen.
Er schnupperte.
Nichts.
Er schob seine Nase in die Blätter.
Wieder nichts.
Dann kletterte er hinein.
Raschel, raschel, raschel!
Zuerst verschwand sein Kopf. Dann seine Schultern. Schließlich waren nur noch seine Hinterpfoten und sein fröhlich wedelnder Schwanz zu sehen.
„Ares?“, rief Bautz.
Keine Antwort.
„Ares, ist alles in Ordnung?“, fragte Ajax.
Aus dem Inneren des Laubsacks kam ein dumpfes Scharren.
Dann ein heftiges Rascheln.
Und plötzlich:
„QUIIIIIETSCH!“
Alle Dackel erstarrten.
„Das war er!“, rief Axel.
„Ganz eindeutig!“, bestätigte Bossi.
„Ich habe es gewusst!“, behauptete Eddi, obwohl er eigentlich die ganze Zeit den Teich verdächtigt hatte.
Und dann erschien Ares.
Zuerst kam seine schwarze Nase aus dem Sack, dann seine struppige Stirn, und schließlich tauchte er vollständig auf – mit einem großen goldgelben Blatt auf dem Kopf und seinem geliebten blauen Ball fest zwischen den Zähnen.
Er sah aus wie der glücklichste Dackel der ganzen Welt.
„QUIETSCH! QUIETSCH! QUIETSCH!“
Ares hatte seinen Ball tatsächlich ganz hinten im Laubsack gefunden. Offenbar hatte er ihn dort abgelegt, bevor er den wirbelnden Blättern hinterhergelaufen war. Der Wind hatte anschließend immer mehr Blätter hineingeweht, bis der Ball unter einer dicken, raschelnden Schicht vollständig verschwunden war.
Bautz sprang vor Freude einmal um den Sack herum.
Bossi warf eine Ladung Blätter in die Luft.
Lump schaute zufrieden zu und fragte vorsichtshalber, ob es nach einer so erfolgreichen Suchaktion vielleicht eine kleine Belohnung gebe.
Balder lächelte.
Caius erklärte, dass er den Ball vermutlich ebenfalls gefunden hätte, wenn er nur lange genug gelauscht hätte.
Gaius wollte bereits die erfolgreiche Suchaktion auswerten.
Und Ajax setzte sich würdevoll auf einen kleinen Hügel.
„Meine Herren“, sagte er, „dieser Nachmittag hat uns wieder einmal etwas Wichtiges gelehrt. Eigentum ist etwas Schönes, besonders wenn es quietscht. Aber noch schöner ist es, Freunde zu haben, die einem helfen, wenn man etwas verloren hat.“
Ares hörte aufmerksam zu.
Dann quietschte er.
Ajax lächelte.
„Und wir haben außerdem gelernt, dass man bei einer Suche zuerst dort nachsehen sollte, wo man zuletzt glücklich gewesen ist.“
Ares fand das einen ausgesprochen vernünftigen Gedanken.
Er trug seinen blauen Ball wieder in den Laubsack, drehte sich dreimal um sich selbst, schob mit der Nase einige besonders schöne rote Blätter zur Seite und machte es sich gemütlich.
Diesmal achtete er allerdings darauf, dass sein Ball direkt vor seinen Vorderpfoten lag.
Der Wind rauschte leise durch die Bäume.
Alles war friedlich.
Bis aus dem Laubsack ein kleines Geräusch kam.
„Quietsch!“

