Was heißt das eigentlich: „Justitia ist blind“?
Die Dackelbande lag im Halbrund vor dem Kamin, als Eddi plötzlich den Kopf hob.
„Axel“, fragte er, „du warst doch so oft mit deinem Herrchen bei Gericht. Was heißt das eigentlich: Justitia ist blind?“
Axel rückte ein Stück näher, setzte sich gerade hin und sprach langsam, wie jemand, der vieles gesehen hat.
„Eddi“, begann er, „ich habe viele Flure gesehen, die nach Akten riechen, viele Türen, hinter denen leise und manchmal sehr laut gesprochen wird. Und ich habe gelernt, dass blind hier nichts mit Nichtsehen zu tun hat.“
Er machte eine kurze Pause.
„Justitia trägt die Augenbinde, damit sie nicht hinschaut, wer jemand ist, sondern nur darauf, was vorgetragen wird. Kein Rang, kein Name, kein Ansehen soll ihr Urteil lenken. Nicht das laute Bellen, sondern das bessere Argument zählt.“
Bautz schnaubte leise. „Aber sehen Richter denn nicht trotzdem, wer da sitzt?“
Axel nickte. „Natürlich sehen sie Menschen. Aber das Recht verlangt, dass sie sich verhalten, als sähen sie es nicht. Die Augenbinde ist kein körperlicher Zustand, sondern eine Pflicht zur Selbstdisziplin.“
Eddi legte den Kopf schief. „Und klappt das immer?“
Axel ließ seinen Blick über die Dackelbande schweifen. „Nein. Genau deshalb gibt es Regeln, Verfahren, Begründungen und Rechtsmittel. Die Blindheit der Justitia ist kein Zustand, sondern ein Anspruch. Einer, an dem jedes Urteil gemessen wird.“
Ajax trat hinzu und sprach ruhig:
„Die Waage steht für das Abwägen, das Schwert für die Entscheidung – und die Binde für die Gerechtigkeit ohne Vorurteil. Wer Recht spricht, darf nicht fühlen wie ein Freund und nicht urteilen wie ein Feind.“
Die Dackelbande schwieg einen Moment.
Dann sagte Eddi leise: „Dann ist blind sein manchmal klüger als alles sehen.“
Axel lächelte. „Genau. Und das ist vielleicht die schwerste Kunst von allen.“

