Lump kann nicht schlafen….
Es war ein stiller Abend auf der Verfassungswiese. Der Wind strich nur noch ganz leicht durch das Gras, irgendwo raschelte ein Igel im Gebüsch, und aus dem kleinen Haus am Rand der Wiese fiel warmes Licht auf die Terrasse. Balder schlief bereits tief und fest in seinem Körbchen, Axel hatte sich so eng zusammengerollt, dass von ihm eigentlich nur noch zwei Ohren zu sehen waren, Caius träumte vermutlich von Mäusen, Gaius von besonders langen Stöcken, Bautz lag zufrieden unter seiner Decke, und selbst Ares hatte für diesen Abend beschlossen, dass auf der Verfassungswiese nichts mehr vergraben werden musste.
Nur Lump schlief nicht.
Lump lag zunächst in seinem Körbchen. Dann drehte er sich nach links. Dann nach rechts. Dann legte er den Kopf auf die Pfoten. Dann stand er wieder auf. Schließlich ging er zu seinem Futternapf, sah hinein, stellte fest, dass er leer war, und wurde dadurch keineswegs ruhiger.
Denn Lump hatte am Nachmittag ein Wort gehört.
Ein großes Wort.
Ein Wort, das so klang, als könne damit allerhand geschehen.
„Vergesellschaftung.“
Lump hatte nicht genau verstanden, was es bedeutete. Aber er hatte gehört, dass dabei Eigentum eine Rolle spielte. Und Eigentum, das wusste Lump sehr genau, war eine ernste Sache. Zu seinem Eigentum gehörten nach seiner Auffassung insbesondere seine Decke, sein Körbchen, mehrere sorgfältig ausgewählte Stöcke, ein leicht angenagter Ball, zwei Knochen und selbstverständlich alles Futter, das irgendwann in absehbarer Zukunft in seinem Napf landen würde.
Je länger Lump darüber nachdachte, desto unruhiger wurde er.
Schließlich fasste er einen Entschluss.
Wenn auf der Verfassungswiese jemand wusste, was Vergesellschaftung bedeutete, dann Ajax.
Ajax lag im Wohnzimmer vor dem Kamin. Das Feuer knisterte leise, und Ajax hatte sich auf einem dicken Kissen ausgestreckt. Da hörte er vorsichtige Schritte.
„Ajax?“
Ajax öffnete ein Auge.
Lump stand in der Tür.
„Lump“, sagte Ajax. „Es ist spät.“
„Ich weiß.“
„Alle schlafen.“
„Ich nicht.“
Ajax öffnete nun auch das zweite Auge. „Das sehe ich.“
Lump kam näher, setzte sich vor den Kamin und sah ausgesprochen besorgt aus.
„Ajax“, begann er, „ich habe eine wichtige Frage.“
Ajax setzte sich etwas aufrechter hin.
„Dann frag.“
Lump holte tief Luft.
„Kann mein Knochen vergesellschaftet werden?“
Ajax schwieg einen Moment.
Das Feuer knackte.
Dann fragte er: „Welcher Knochen?“
„Beide.“
„Ah.“
„Und mein Futter.“
Ajax nickte langsam. „Das ist also das Problem.“
„Ja“, sagte Lump. „Ich habe heute gehört, dass Eigentum vergesellschaftet werden kann. Und seitdem frage ich mich, ob morgen jemand kommt und sagt: Lump, dein Knochen gehört jetzt der Allgemeinheit.“
Ajax legte den Kopf ein wenig schief.
„Und was würde die Allgemeinheit dann mit deinem Knochen machen?“
Lump sah ihn entsetzt an.
„Genau das weiß ich ja nicht! Vielleicht wird er aufgeteilt.“
„Aufgeteilt?“
„Ja. Ein Stück für Balder. Ein Stück für Axel. Ein Stück für Caius. Und am Ende bekomme ich nur noch die Spitze.“
Ajax musste lächeln.
„Und beim Futter?“
Lump wurde noch ernster.
„Noch schlimmer. Stell dir vor, mein Napf wird vergesellschaftet.“
„Der Napf?“
„Oder sein Inhalt.“
Ajax sah zum Kamin, als müsse er einen besonders schwierigen verfassungsrechtlichen Fall prüfen.
„Lump“, sagte er schließlich, „zunächst können wir dich beruhigen. Niemand wird heute Nacht kommen und deinen Knochen vergesellschaften.“
Lump atmete hörbar aus.
„Sicher?“
„Sehr sicher.“
„Und morgen?“
„Auch morgen halte ich es für ausgesprochen unwahrscheinlich.“
Lump rückte ein wenig näher.
„Aber was bedeutet Vergesellschaftung dann?“
Ajax überlegte kurz.
„Vergesellschaftung bedeutet nicht, dass jeder beliebige Gegenstand eingesammelt und verteilt werden kann. Das Grundgesetz der Menschen kennt in Artikel 15 die Möglichkeit, bestimmte große wirtschaftliche Güter – Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel – durch Gesetz in Gemeineigentum oder andere Formen der Gemeinwirtschaft zu überführen.“
Lump blinzelte.
„Mein Knochen ist kein Produktionsmittel?“
„Nein.“
„Auch wenn ich sehr lange daran arbeite?“
„Auch dann nicht.“
„Mein Futternapf?“
„Ebenfalls nein.“
„Meine Decke?“
„Nein.“
Lump dachte nach.
„Und mein Körbchen?“
Ajax sah ihn an.
„Lump, wir werden jetzt nicht deinen gesamten Hausstand durchprüfen.“
Lump nickte.
„Gut.“
Dann schwieg er kurz und fragte: „Aber warum macht man so etwas überhaupt?“
Ajax legte sich wieder etwas bequemer hin.
„Weil unsere Dackelverfassung, die wir uns auf der Verfassungswiese selbst gegeben haben, ebenso wie das Grundgesetz der Menschen die Vorstellung zulässt, dass bestimmte Dinge für die Gemeinschaft so wichtig sein können, dass sie nicht ausschließlich einem Einzelnen gehören müssen“, erklärte Ajax. „Aber unsere Verfassung hat auch einen ganz wichtigen Grundsatz: Jeder Dackel hat ein Recht auf sein Eigentum, auf seine Knochen, sein Futter und seinen Schlafplatz. Eine Vergesellschaftung darf es nur geben, wenn sie dem Wohl der gesamten Dackelbande dient, auf einer klaren Regel beruht und niemand dabei ungerecht behandelt wird. Schließlich sind wir eine rechtsstaatlich organisierte Dackelgemeinschaft und keine Bande von Knochenräubern!“
Lump überlegte einen Augenblick. „Dann könnte unsere Dackelverfassung doch ausdrücklich bestimmen, dass Knochen und Futternäpfe niemals vergesellschaftet werden dürfen?“
Ajax schmunzelte. „Das könnten wir tatsächlich beschließen. Aber weißt du, Lump, was das Schönste an unserer Verfassung ist? Sie schützt nicht nur dein Eigentum, sondern auch das friedliche Zusammenleben aller Dackel. Und dazu gehört, dass man manchmal freiwillig etwas teilt, ohne dass gleich ein Gesetz daraus werden muss.“
Lump nickte nachdenklich. „Freiwillig teilen ist in Ordnung“, erklärte er schließlich. „Aber freiwillig bedeutet, dass ich vorher gefragt werde. Und dass ich auch Nein sagen darf.“
„Ganz genau“, antwortete Ajax zufrieden. „Du hast das Wesen der Freiheit verstanden.“
„Gut“, sagte Lump erleichtert. „Dann bin ich für unsere Verfassung. Jedenfalls solange sie nicht beschließt, dass Axel meinen Knochen bekommt.“
Ajax lachte. „Keine Sorge, Lump. Auch die Mehrheit der Dackelbande darf nicht einfach alles beschließen, was ihr gerade gefällt. Dafür haben wir schließlich unsere Grundrechte.“
Lump strahlte. „Dann ist unsere Dackelverfassung wirklich eine gute Sache!“
„Das ist sie“, erwiderte Ajax. „Vor allem, wenn sich auch alle daran halten.“
Lump sah nachdenklich ins Feuer.
„Also kann niemand einfach kommen und sagen: Das gehört jetzt allen?“
„Ganz genau.“
„Nicht einmal Bossi?“
„Vor allem Bossi nicht.“
Lump wirkte erleichtert.
In diesem Augenblick erschien Bossi im Flur.
„Ich habe meinen Namen gehört.“
„Du schläfst“, sagte Ajax.
„Ach so“, sagte Bossi und verschwand wieder.
Lump musste lachen.
Dann legte er sich neben Ajax auf den Teppich.
„Weißt du“, sagte er, „ich finde, manche Wörter sollten kleiner sein.“
„Warum?“
„Weil man bei so großen Wörtern automatisch glaubt, dass auch große Gefahren dahinterstecken.“
Ajax nickte.
„Das ist tatsächlich ein verbreitetes Problem.“
„Man müsste die Wörter erst erklären, bevor man sie herumlaufen lässt.“
„Ein vernünftiger Vorschlag.“
Lump dachte noch einmal nach.
„Also ist mein Knochen sicher.“
„Ja.“
„Mein Futter auch.“
„Ja.“
„Und mein Körbchen.“
Ajax seufzte.
„Auch dein Körbchen.“
Lump stand zufrieden auf.
An der Tür drehte er sich noch einmal um.
„Ajax?“
„Ja?“
„Was ist eigentlich Enteignung?“
Ajax sah ihn lange an.
„Lump.“
„Ja?“
„Morgen.“
Lump nickte.
„Gut.“
Er trottete zurück zu seinem Körbchen, legte sich hinein und schlief innerhalb weniger Minuten ein.
Ajax blieb noch eine Weile am Kamin liegen und dachte darüber nach, dass Rechtsbegriffe manchmal erstaunlich weit wandern können, wenn niemand sie rechtzeitig erklärt.
Am nächsten Morgen fand Lump seinen Knochen genau dort, wo er ihn am Abend versteckt hatte.
Oder besser gesagt: fast genau dort.
Ares saß nämlich daneben und sah ausgesprochen unschuldig aus.

