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Caius und die hohe Kunst der unterirdischen Jagd

Caius und die hohe Kunst der unterirdischen Jagd

 

Auf der Verfassungswiese gab es viele außergewöhnliche Dackel. Ajax konnte schwimmen wie ein Otter und philosophieren wie ein Professor. Gaius sammelte Stöcke, deren Länge gelegentlich seine eigene Körperlänge um ein Vielfaches übertraf. Lump verstand sich auf die angenehmen Dinge des Lebens, insbesondere auf Fellpflege und gemütliche Ruheplätze. Ares war ein Meister darin, Dinge zu verstecken, die andere Dackel anschließend verzweifelt suchten. Und Bautz konnte stundenlang ein Schweineohr bewachen, ohne auch nur daran zu denken, es aufzufressen.

Doch Caius besaß eine Fähigkeit, die selbst unter diesen bemerkenswerten Persönlichkeiten einzigartig war: Er konnte Mäuse und Maulwürfe fangen, ohne sie vorher überhaupt gesehen zu haben.

Das klingt zunächst unmöglich. Schließlich leben Mäuse und Maulwürfe häufig unter der Erde, bewegen sich in dunklen Gängen und legen auf die Begegnung mit einem Dackel gewöhnlich keinen besonderen Wert.

Aber Caius hatte eine Technik entwickelt, die so raffiniert war, dass selbst Ajax, der Professor der Dackelbande, ihr mit wissenschaftlichem Respekt begegnete.

An einem sonnigen Oktobermorgen stand Caius mitten auf der Verfassungswiese vor einem frisch aufgeworfenen Maulwurfshügel. Der Wind strich durch sein dunkles, drahtiges Fell. Seine Augen waren auf einen Punkt im Gras gerichtet, seine Ohren leicht nach vorn gestellt.

Und dann hob er ganz langsam die rechte Vorderpfote.

So blieb er stehen.

Eine Minute.

Zwei Minuten.

Fünf Minuten.

Wer ihn nicht kannte, hätte glauben können, jemand habe eine besonders gelungene Dackelstatue aufgestellt.

Dabei war Caius hellwach.

Er lauschte.

Nicht auf Vogelgesang, nicht auf das Rascheln der Blätter und schon gar nicht auf die Unterhaltung, die Axel und Bossi gerade über die Frage führten, ob das Frühstück heute ausreichend umfangreich gewesen sei.

Nein. Caius lauschte auf das, was unter seinen Pfoten geschah.

Denn dort unten, vielleicht zehn oder fünfzehn Zentimeter tief, verliefen die geheimnisvollen unterirdischen Wege der Mäuse und Maulwürfe. Und Caius wusste: Wer lange genug aufmerksam lauscht, hört Dinge, die anderen verborgen bleiben.

„Was macht Caius da eigentlich?“, fragte Eddi, der gerade vom Teich zurückkam, nachdem er drei Frösche erfolgreich zum Sprung ins Wasser überredet hatte.

„Er steht“, erklärte Axel.

„Das sehe ich selbst“, erwiderte Eddi. „Aber warum?“

„Vielleicht hat er vergessen, wie man weitergeht“, vermutete Bossi.

Ajax, der sich inzwischen zu ihnen gesellt hatte, betrachtete Caius aufmerksam.

„Meine Herren“, sagte er mit der ihm eigenen professoralen Würde, „wir beobachten hier eine außerordentlich bemerkenswerte Verbindung aus Konzentration, Gleichgewichtssinn und angewandter Jagdwissenschaft.“

„Aha“, sagte Bossi. „Und wann gibt es Frühstück?“

In diesem Augenblick geschah es.

Caius‘ Körper spannte sich. Die erhobene Vorderpfote sank kaum merklich nach unten. Sein Kopf neigte sich um wenige Zentimeter.

Dann schoss er vor.

Nicht etwa mit einem wilden Sprung, bei dem alle vier Pfoten gleichzeitig in unterschiedliche Richtungen flogen, wie es bei Bautz gelegentlich vorkam, wenn er sich besonders freute.

Nein.

Caius bewegte sich mit einer Eleganz, die man sonst vielleicht von einem Falken beim Sturzflug erwartet hätte.

Mit einem einzigen blitzschnellen Stoß fuhr seine lange Dackelnase voran in das weiche Erdreich, genau dorthin, wo sich unter der Oberfläche ein Gang befand.

Ein dumpfes „Pffft!“ war zu hören.

Erde flog nach beiden Seiten.

Und als Caius seinen Kopf wieder hob, hielt er tatsächlich eine Maus im Maul.

Die anderen Dackel erstarrten.

„Unglaublich!“, rief Eddi.

„Er hat sie nicht einmal gesehen!“, staunte Axel.

„Und er hat vorher überhaupt nicht gebuddelt!“, bemerkte Gaius beeindruckt.

Caius legte die Maus ab, die den Augenblick nutzte, um eilig unter einem Grasbüschel zu verschwinden. Dann schüttelte er sich, sodass kleine Erdkrümel aus seinem Bart flogen.

„Das“, erklärte er gelassen, „war ein ziemlich einfacher Fall.“

„Einfach?“, rief Bautz. „Ich hätte mindestens ein Loch von der Größe eines Planschbeckens graben müssen!“

„Eben“, antwortete Caius. „Das ist der Unterschied zwischen Graben und Fangen.“

Ajax nickte anerkennend.

„Eine hervorragende Feststellung. Es ist nicht die Menge der bewegten Erde, die über den Erfolg entscheidet, sondern die Genauigkeit des Eingriffs.“

„Das klingt nach einer ausgesprochen vernünftigen Verfassungsregel“, meinte Balder, der alte Dackel, der inzwischen ebenfalls herangekommen war.

Natürlich blieb dieses Ereignis nicht ohne Folgen.

Noch am selben Vormittag wurde Caius von mehreren Mitgliedern der Dackelbande gebeten, seine besondere Technik zu erklären.

„Man muss zunächst einen geeigneten Gang finden“, begann Caius. „Dann stellt man sich möglichst ruhig daneben. Die Nase zeigt in die richtige Richtung, die Ohren bleiben aufmerksam, und eine Vorderpfote wird leicht angehoben.“

„Welche?“, fragte Ares sofort.

„Das ist gleichgültig.“

„Auch die linke?“

„Auch die linke.“

„Und wenn man beide hebt?“, wollte Bautz wissen.

Caius betrachtete ihn einen Augenblick.

„Dann“, sagte er, „fällt man vermutlich um.“

Lump lachte so herzlich, dass sein ganzes schwarzes Fell wackelte.

Nun begann der praktische Unterricht.

Als Erster meldete sich Axel freiwillig. Er stellte sich neben einen Maulwurfshügel, hob die rechte Vorderpfote und lauschte.

Nach etwa zwanzig Sekunden senkte er sie wieder.

„Ich höre etwas!“

„Was denn?“, fragte Caius.

„Meinen Magen.“

„Das zählt nicht.“

Axel versuchte es erneut. Diesmal hielt er fast eine ganze Minute durch, bevor er erklärte, dass Konzentration auf nüchternen Magen grundsätzlich eine schlechte Idee sei.

Als Nächster trat Gaius an.

Er war durchaus geduldig und konnte lange stillstehen. Schließlich hatte er schon häufig bewegungslos vor besonders schönen Stöcken gesessen und darüber nachgedacht, wie man sie am besten transportieren könnte.

Allerdings stellte er sich diesmal ausgerechnet neben einen Gang, über dem ein langer, trockener Ast lag.

Nach drei Minuten verlor er das Interesse an den unterirdischen Geräuschen, nahm den Ast ins Maul und trug ihn zu seiner Sammlung.

„Eine erfolgreiche Jagd“, befand Gaius zufrieden.

„Auf einen Stock“, stellte Ajax fest.

„Immerhin“, erwiderte Gaius. „Der ist mir nicht entkommen.“

Besonders ehrgeizig zeigte sich Ares.

Er stellte sich neben Caius, hob die linke Vorderpfote, legte den Kopf schief und versuchte, unter der Erde etwas zu hören.

Nach kurzer Zeit flüsterte er: „Caius, ich glaube, da läuft etwas.“

Caius lauschte ebenfalls.

„Nein, Ares. Das ist dein eigener Herzschlag.“

Ares dachte nach.

„Dann ist jedenfalls schon einmal etwas in Bewegung.“

Bautz dagegen hatte eine vollkommen andere Vorstellung von dieser Art der Jagd.

Kaum hatte er einen Maulwurfshügel entdeckt, rannte er darauf zu, sprang mit beiden Vorderpfoten mitten hinein und begann begeistert zu graben.

Innerhalb weniger Augenblicke entstand ein beeindruckendes Loch. Nach weiteren zwei Minuten war Bautz von der Nasenspitze bis zum Schwanzansatz mit Erde bedeckt.

„Ich glaube, ich habe etwas!“, rief er aufgeregt.

Alle liefen herbei.

Bautz zog triumphierend eine alte, halb verrottete Baumwurzel aus dem Boden.

„Das ist kein Maulwurf“, erklärte Caius.

„Aber er hat sich auch nicht gewehrt“, erwiderte Bautz stolz.

Bossi versuchte es anschließend mit einer eigenen Methode. Er legte sich unmittelbar neben einen Maulwurfshügel, bettete den Kopf auf seine Vorderpfoten und schloss die Augen.

„Was machst du?“, fragte Eddi.

„Ich warte.“

„Du schläfst!“

„Das eine schließt das andere nicht aus.“

Nach zehn Minuten schnarchte Bossi so laut, dass vermutlich sämtliche Mäuse der Verfassungswiese beschlossen, ihre unterirdischen Wege vorübergehend zu meiden.

Lump hatte die Vorführung inzwischen aus einiger Entfernung beobachtet.

„Ich verstehe die Sache noch nicht ganz“, sagte er. „Man muss lange stillstehen, eine Pfote hochhalten, sich stark konzentrieren und bekommt anschließend möglicherweise Erde ins Gesicht?“

„Genau“, bestätigte Caius.

„Dann bleibe ich lieber bei der Fellpflege.“

Auch Balder, der älteste und erfahrenste Dackel, versuchte sich an der neuen Technik. Er stellte sich ganz ruhig neben einen Hügel, hob eine Vorderpfote und lauschte.

Er hielt erstaunlich lange durch.

Caius betrachtete ihn mit wachsendem Respekt.

„Balder, du machst das ausgezeichnet!“

„Mein lieber Caius“, antwortete Balder, „im Alter lernt man, dass man nicht jeder Bewegung sofort hinterherlaufen muss.“

„Hörst du denn etwas?“

„Allerdings.“

„Eine Maus?“

„Nein. Ich höre, wie Bautz hinter uns schon wieder gräbt.“

Und tatsächlich flog in einiger Entfernung eine neue Ladung Erde durch die Luft.

Caius selbst hatte unterdessen erneut einen geeigneten Platz gefunden.

Diesmal handelte es sich um einen besonders großen Maulwurfshügel am Rand der Wiese.

Langsam näherte er sich.

Dann blieb er stehen.

Die linke Vorderpfote hob sich.

Sein Körper wurde vollkommen ruhig.

Die anderen Dackel versammelten sich im Halbkreis, hielten aber respektvollen Abstand.

Sogar Bossi war inzwischen aufgewacht.

Eine Minute verging.

Dann eine zweite.

Caius rührte sich nicht.

Ein leichter Wind bewegte die Haare an seinen Ohren. Ein Blatt fiel neben ihm ins Gras. Irgendwo rief eine Amsel.

Doch Caius war mit seinen Gedanken längst unter der Erde.

Er konnte zwar nicht sehen, was dort geschah, aber seine feinen Sinne verrieten ihm, dass sich etwas durch einen Gang bewegte.

Ganz langsam näherte es sich.

Noch ein Stück.

Und noch eines.

Dann kam der entscheidende Augenblick.

Caius stieß zu.

Mit einer einzigen, unglaublich schnellen Bewegung fuhr seine Nase in den Gang.

Die Erde bebte ein wenig, Grasbüschel flogen zur Seite, und im nächsten Augenblick tauchte Caius wieder auf.

Zwischen seinen Zähnen hielt er einen kräftigen Maulwurf.

„Er hat ihn!“, rief Eddi.

„Tatsächlich!“, staunte Axel.

„Ohne auch nur eine einzige Schaufel Erde vorher auszuheben!“, bemerkte Ajax.

Der Maulwurf war über diesen unerwarteten Zwischenfall verständlicherweise wenig erfreut. Er strampelte mit seinen kräftigen Vorderpfoten und sah Caius ausgesprochen vorwurfsvoll an.

Caius setzte ihn vorsichtig auf den Boden.

„Entschuldigung“, sagte er höflich. „Es war eine technische Demonstration.“

Der Maulwurf schüttelte sich, betrachtete die versammelten Dackel mit unverhohlener Missbilligung und verschwand so schnell wie möglich wieder in seinem Gang.

„Ich glaube“, bemerkte Eddi, „der möchte nicht noch einmal an einer Vorführung teilnehmen.“

„Verständlich“, sagte Balder.

Ajax trat nun feierlich vor Caius.

„Lieber Caius, im Namen der gesamten Dackelbande möchte ich feststellen, dass du eine außergewöhnliche Kunst beherrschst. Du hast uns gezeigt, dass Geduld, Aufmerksamkeit und Schnelligkeit zusammen eine erstaunliche Wirkung entfalten können.“

Caius nahm das Lob mit bescheidener Würde entgegen.

„Es ist eigentlich ganz einfach“, sagte er. „Man muss nur wissen, wann man warten und wann man handeln muss.“

„Und wie lange muss man üben, bis man das kann?“, fragte Ares.

Caius überlegte.

„Sehr lange.“

„Wochen?“

„Vielleicht.“

„Monate?“

„Möglicherweise.“

„Jahre?“

„Bei Bautz vermutlich.“

Bautz, der gerade versuchte, die Erde aus seinem Bart zu schütteln, schaute empört.

„Ich habe heute immerhin drei Löcher gegraben!“

Inzwischen war die Sonne ein Stück weitergewandert, und die Dackelbande beschloss, dass nach so viel wissenschaftlicher Betätigung eine ausgedehnte Ruhepause angebracht sei.

Nur Caius blieb noch einen Augenblick bei seinem Maulwurfshügel stehen.

Er hob erneut die rechte Vorderpfote, lauschte und wartete.

Die anderen betrachteten ihn aus einiger Entfernung.

„Findet ihr nicht auch“, fragte Lump, „dass Caius dabei unglaublich elegant aussieht?“

„Wie ein Denkmal“, sagte Gaius.

„Wie ein Jagdhund“, erklärte Axel.

„Wie ein Professor, der gerade eine schwierige mathematische Aufgabe löst“, meinte Ajax.

„Wie ein Dackel, der vergessen hat, die Pfote wieder auf den Boden zu stellen“, ergänzte Bautz.

Alle lachten.

Nur Caius ließ sich nicht stören.

Er wusste längst, was die anderen erst noch lernen mussten: Nicht jeder Erfolg entsteht durch große Anstrengung, lautes Bellen oder hektisches Herumlaufen. Manchmal besteht die größte Kunst darin, vollkommen stillzustehen, genau hinzuhören und im richtigen Augenblick blitzschnell zu handeln.

Und während die übrigen Dackel sich zum Mittagsschlaf niederlegten, kam Ares noch einmal zu Ajax.

„Professor“, fragte er nachdenklich, „glaubst du, dass ich diese Technik wirklich lernen kann?“

Ajax betrachtete ihn freundlich.

„Natürlich, Ares. Aber du musst zunächst lernen, geduldig zu sein.“

Ares nickte entschlossen.

„Gut. Dann fange ich morgen damit an.“

„Warum nicht heute?“

„Weil ich heute noch nachsehen muss, ob das Schweineohr, das ich vor drei Wochen vergraben habe, immer noch an seinem Platz liegt.“

Ajax seufzte.

„Ares, du hast noch einen langen Weg vor dir.“

Dann blickte er zu Caius hinüber, der weiterhin regungslos und mit erhobener Vorderpfote vor einem Maulwurfshügel stand.

„Aber eines“, fügte Ajax hinzu, „haben wir heute alle gelernt: Katzen mögen auf Mäusejagd geschickte Jäger sein. Doch eine Katze, die mit erhobener Pfote minutenlang einem Maulwurf unter der Erde lauscht und anschließend mit der Nase voran punktgenau in seinen Gang stößt, habe ich noch nie gesehen.“

„Also sind Dackel besser als Katzen?“, fragte Ares.

Ajax schmunzelte.

„Nein, mein lieber Ares. Dackel sind nicht einfach besser. Dackel sind etwas Besonderes. Und Caius ist sogar unter Dackeln etwas ganz Besonderes.“

 

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