Die Dackelbande und das unsichtbare Band der Fürsorge
Auf der Verfassungswiese lag der Frühling still und warm über dem Gras. Die ersten kleinen Blumen reckten sich vorsichtig in die Sonne, und irgendwo summte eine Biene, als hätte sie es besonders eilig.
Ares, der noch junge, aber schon sehr aufmerksame Rauhaardackel, saß neben dem alten Balder. Balder lag wie so oft ruhig da, den Blick weit über die Wiese gerichtet, als könne er Dinge sehen, die für andere verborgen blieben.
Eine Weile schwiegen sie.
Dann fragte Ares leise:
„Balder… warum haben manche Menschen eigentlich einen Betreuer?“
Balder hob langsam den Kopf und sah Ares an. In seinen Augen lag kein Erstaunen, sondern eher die Freude darüber, dass eine solche Frage gestellt wurde.
„Weil das Leben manchmal kompliziert wird“, sagte er ruhig.
„Und weil es Zeiten gibt, in denen ein Mensch Unterstützung braucht, um wichtige Entscheidungen zu treffen.“
Ares runzelte die Stirn.
„Aber… heißt das, sie können das nicht mehr alleine?“
Balder nickte leicht.
„Manchmal nicht vollständig. Es kann sein, dass jemand krank ist, oder sehr alt, oder einfach Dinge nicht mehr richtig überblicken kann. Dann bestimmt ein Gericht einen Betreuer. Dieser hilft – rechtlich gesehen – bei bestimmten Angelegenheiten: bei Geld, bei Verträgen, bei Entscheidungen über das Leben.“
Ares dachte nach. Seine Nase zuckte ein wenig.
„Und… warum hast du keinen Betreuer? Du bist doch auch alt.“
Balder lächelte. Ein langsames, warmes Lächeln, wie es nur sehr alte Dackel können.
„Das ist eine gute Frage.“
Er setzte sich ein wenig auf, sodass sein struppiges Fell im Licht schimmerte.
„Der Unterschied ist: Menschen leben oft allein oder in sehr kleinen Einheiten. Wenn dann jemand Unterstützung braucht, gibt es nicht immer jemanden, der sich kümmert. Deshalb schafft das Gesetz eine Ordnung – damit niemand ohne Hilfe bleibt.“
Ares sah sich um. Über die Wiese verteilt lagen und spielten die anderen: Ajax schnupperte an einer Blume, Bautz bewachte aufmerksam die jungen Triebe, Eddi und Gaius jagten einem Ball hinterher.
„Und wir?“ fragte Ares.
Balder folgte seinem Blick.
„Wir sind die Dackelbande.“
Eine kurze Pause.
„Bei uns passt jeder auf jeden auf.“
Ares legte den Kopf schief.
Balder fuhr fort:
„Wenn ich langsamer werde, dann wartet Ajax auf mich.
Wenn ich etwas nicht mehr sehe, dann zeigt mir Bautz den Weg.
Wenn ich einmal vergesse, wo ich hinwollte, dann erinnert mich Eddi – manchmal ein bisschen zu laut, aber zuverlässig.“
Ares musste grinsen.
„Und wenn du traurig bist?“ fragte er.
Balder sah ihn direkt an.
„Dann setzt sich einer von euch einfach dazu. So wie du jetzt.“
Der Wind strich leicht durch das Gras.
„Weißt du“, sagte Balder schließlich, „ein Betreuer ist im Grunde nichts anderes als jemand, der Verantwortung übernimmt, wenn sie allein nicht mehr getragen werden kann.“
Er machte eine kleine Pause und fügte hinzu:
„Der Unterschied ist nur:
Bei den Menschen wird das oft durch ein Gericht geregelt und der Betreuer kommt manchmal nicht aus der Familie.
Bei uns durch Vertrauen.“
Ares dachte lange nach.
Dann rückte er ein Stück näher an Balder heran.
„Dann brauchst du also keinen Betreuer…“
Balder schüttelte sanft den Kopf.
„Nein.“
Ein leises Lächeln.
„Ich habe euch.“
Ares sah über die Verfassungswiese, auf all die anderen Dackel, die miteinander spielten, wachten, lachten.
Und dann sagte er, ganz ruhig:
„Dann passe ich auch auf dich auf.“
Balder nickte zufrieden.
„Das weiß ich.“

