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Die Symmetrie des Rechts

Die Symmetrie des Rechts

die Symmetrie des Rechts von Paul Kirchhof

In der Mitte der Dackelbande saß Ajax, der Hüter der Verfassungswiese. Sein dunkles, struppiges Fell glänzte im Abendlicht, und seine bernsteinfarbenen Augen ruhten aufmerksam auf den anderen.

Balder hatte eine Zeitung mitgebracht.

„Heute möchte ich euch von einem Gedanken erzählen, über den ein alter Menschengelehrter namens Paul Kirchhof gesprochen hat“, begann er. „Er nannte ihn die Symmetrie des Rechts.“

„Symmetrie?“, fragte Ares und ließ seinen blauen Ball neben sich liegen. „Ist das nicht etwas mit gleichen Seiten?“

Balder nickte.

„Ja. Aber Kirchhof meinte etwas Größeres. Er sagte, dass Freiheit und Verantwortung zusammengehören. Wer Rechte beansprucht, muss auch die Rechte anderer achten. Wer Schutz erwartet, muss selbst bereit sein, andere zu schützen. Das Recht lebt davon, dass Geben und Nehmen in einem ausgewogenen Verhältnis stehen.“

Bautz runzelte die Stirn.

„Heißt das, wenn ich möchte, dass meine Dackelwürde respektiert wird, muss ich auch die Würde der anderen achten?“

„Ganz genau“, antwortete Ajax ruhig. „Die Verfassung ist kein Knochen, den man nur festhält, wenn man Hunger hat. Sie ist eine gemeinsame Wiese, die gepflegt werden muss.“

Lump, der kräftige Rauhaardackel mit dem etwas struppigeren Fell, dachte einen Moment nach.

„Aber was ist, wenn jemand die Regeln nicht beachtet? Wenn jemand unfair ist?“

Ajax sah ihn freundlich an.

„Dann zeigt sich die wahre Bedeutung gemeinsamer Werte. Werte sind nicht nur für die einfachen Tage da. Sie bewähren sich gerade dann, wenn wir verletzt werden oder anderer Meinung sind. Es ist leicht, Gerechtigkeit zu verlangen. Schwieriger ist es, selbst gerecht zu bleiben.“

„Also müssen wir immer einer Meinung sein?“, fragte Eddi skeptisch.

„Nein“, erwiderte Balder. „Gerade nicht. Eine Gemeinschaft lebt von unterschiedlichen Ansichten. Aber sie braucht gemeinsame Grundlagen: Ehrlichkeit, Respekt, Verantwortung, Freiheit und die Bereitschaft zuzuhören.“

Gaius hob die Nase in den Wind.

„Dann sind Werte also keine fertigen Dinge?“

Ajax lächelte.

„Sie sind wie die Verfassungswiese selbst. Wenn niemand das Unkraut entfernt, die Wege pflegt und die jungen Bäume schützt, verwildert sie. Werte und Gemeinsamkeiten entstehen nicht von allein. Sie sind eine ständige Aufgabe.“

Balder fügte hinzu:

„Paul Kirchhof warnte davor, zu glauben, der Staat könne allein alles zusammenhalten. Eine freie Gesellschaft lebt davon, dass ihre Bürger selbst Verantwortung übernehmen – in ihren Familien, in ihren Vereinen, in ihren Freundschaften und in ihrem täglichen Handeln.“

Ares blickte auf seinen Ball.

„Dann gehört auch dazu, anderen zu helfen, wenn sie scheitern?“

„Ja“, sagte Ajax. „Aber Hilfe bedeutet nicht, dem anderen alles abzunehmen. Es bedeutet, ihn zu befähigen, wieder selbst seinen Weg zu finden.“

Bautz dachte lange nach.

„Wenn die Symmetrie des Rechts bedeutet, dass Rechte und Pflichten zusammengehören – dann gilt das auch für die Dackelbande. Jeder von uns möchte gehört werden. Also müssen wir auch zuhören. Jeder möchte fair behandelt werden. Also müssen wir selbst fair sein.“

„Und jeder möchte dazugehören“, ergänzte Lump leise. „Also dürfen wir niemanden vorschnell verurteilen oder ausschließen.“

Für einen Moment wurde es still.

Die Abendsonne tauchte die Verfassungswiese in goldenes Licht. Ajax erhob sich und blickte in die Runde.

„Die Stärke einer Gemeinschaft zeigt sich nicht darin, dass alle gleich sind. Sie zeigt sich darin, dass unterschiedliche Dackel gemeinsame Grundsätze achten. Freiheit ohne Verantwortung wird zur Rücksichtslosigkeit. Verantwortung ohne Freiheit wird zur Bevormundung. Erst im Gleichgewicht entsteht Gerechtigkeit.“

Balder nickte zustimmend.

„Und dieses Gleichgewicht muss jede Generation neu lernen.“

Die Dackelbande saß noch lange beisammen. Ares rollte seinen Ball zu Lump. Eddi rückte ein Stück näher zu Bautz. Gaius erzählte von einem Streit, den er friedlich gelöst hatte.

Als die ersten Sterne über der Verfassungswiese erschienen, sprach Ajax als Hüter der Verfassungswiese:

„Die Verfassung ist kein Denkmal aus Stein. Sie lebt in dem, was wir täglich füreinander tun. Werte und Gemeinsamkeiten sind kein Besitz, den man einmal erwirbt. Sie sind eine Aufgabe, die niemals endet.“

Und die Dackel verstanden, dass die Verfassungswiese nicht deshalb ein besonderer Ort war, weil ihre Regeln aufgeschrieben standen. Sie war besonders, weil ihre Bewohner jeden Tag aufs Neue entschieden, nach ihnen zu leben.

die Symmetrie des Rechts von Paul Kirchhof
die Symmetrie des Rechts von Paul Kirchhof

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