Ein trauriger Wintertag auf der Verfassungswiese
Die Verfassungswiese lag unter einer harten, silbrigen Decke aus Schnee. Der Frost hatte das Gras in starre Halme verwandelt, und jeder Atemzug hing wie eine kleine Wolke in der klaren Luft. Bautz und Ares stapften nebeneinander durch die Kälte, ihre dunklen, rauhaarigen Felle von feinen Eiskristallen überzogen.
Es war einer jener Tage, an denen selbst die Geräusche gedämpft wirkten – als halte die Welt für einen Moment inne.
Dann rochen sie es.
Nicht den vertrauten Duft von Mäusen oder den würzigen Geruch gefrorener Erde, sondern etwas Schweres, Metallisches. Sie folgten der Spur bis an den Rand der Wiese, dort, wo Menschen einen Wildzaun errichtet hatten – hoch, engmaschig, aber dahinter überflüssigerweise mit Stacheldraht bewehrt, der von der Bundesautobahnverwaltung angebracht worden war.
Im Schnee davor lag ein Schmaltier.
Sein zarter Körper hatte sich offenbar im Draht verfangen. Beim verzweifelten Versuch, sich zu befreien, musste es sich am Stacheldraht die Halsschlagader aufgerissen haben. Das Blut hatte sich in einem dunklen Strom über den weißen Schnee ergossen, war gefroren, hatte die Landschaft in grausames Rot getaucht.
Bautz blieb stehen. Seine sonst so wache, kämpferische Haltung sank in sich zusammen.
Ares setzte sich langsam, als verstünde er, dass hier nichts mehr zu retten war.
Sie sagten kein Wort – Hunde sprechen in Blicken. Und ihre Blicke waren schwer.
„Warum bauen Menschen so etwas?“, fragte Ares schließlich leise.
Bautz scharrte mit der Pfote im Schnee. „Vielleicht wollten sie etwas schützen. Aber sie haben nicht bedacht, was sie mit Stacheldraht zerstören können.“
Der Wind strich über die Wiese. Das Schmaltier lag still, als sei es Teil des Winters geworden.
Die beiden drehten sich um und liefen, so schnell es der Schnee zuließ, zu Axel.
Axel saß unter der alten Eiche, sein Blick weit über die gefrorene Fläche gerichtet. Er musste ihre Schritte gehört haben, denn er wandte sich um, noch bevor sie bei ihm waren. Als er ihre Blicke sah, verstand er sofort, dass etwas geschehen war.
Bautz berichtete stockend. Ares schwieg, aber seine Augen sagten alles.
Axel nickte langsam. Dann sprach er, ruhig und fest:
„Manche Zäune werden errichtet, um Ordnung zu schaffen. Doch wenn Ordnung ohne Mitgefühl gebaut wird, wird sie zur Gefahr. Nicht jeder Schutz ist gerecht. Und nicht jede Grenze ist klug, insbesondere wenn sie aus Stacheldraht besteht, der seit Jahren vor sich hin rostet.“
Er blickte hinaus zur Stelle, an der das Rot im Schnee schimmerte.
„Das Schmaltier wollte nur leben. Es hat nicht gewusst, was Stacheldraht ist, was Eigentum bedeutet oder warum Menschen Linien ziehen. Sein Tod ist kein Zeichen von Bosheit der Natur – sondern von fehlender Umsicht.“
Ares senkte den Kopf. „Es war so schnell vorbei.“
„Ja“, sagte Axel leise. „Aber sein Leiden war real. Und eure Trauer zeigt, dass ihr versteht, was Würde bedeutet – auch für jene, die keine Worte haben.“
Er stupste Bautz und Ares ganz vorsichtig an.
„Wir können nicht alles ungeschehen machen. Doch wir können daraus lernen. Wir können wachsamer sein und versuchen den Menschen zu zeigen, das Natur und die darin lebenden Tiere Umsicht und verantwortungsvolles Handeln benötigen.
Bautz atmete tief durch.
Ares richtete sich langsam auf.
Der Frost war noch da. Das Blut im Schnee auch. Aber zwischen ihnen war etwas gewachsen: ein stilles Versprechen, dass Mitgefühl stärker sein sollte als Draht.
Gemeinsam gingen sie zurück über die Verfassungswiese – leise, nachdenklich, und entschlossen, die Welt wenigstens ein kleines Stück gerechter zu denken, als sie sie vorgefunden hatten.

