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Munich Security Report 2026 – „Under Destruction“

Arbeitsrecht – Erbrecht - Kommunalrecht

Munich Security Report 2026 – „Under Destruction“

Drohnen

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Die internationale Ordnung im Zustand gezielter Demontage

Was ist der Munich Security Report?

Der Munich Security Report ist die jährlich erscheinende Grundsatzpublikation der Munich Security Conference. Er begleitet die Münchner Sicherheitskonferenz und dient als strategisches Lagebild zur internationalen Sicherheits-, Ordnungs- und Machtarchitektur. Der Bericht verbindet geopolitische Analyse mit empirischen Daten (u. a. dem Munich Security Index) und versteht sich ausdrücklich nicht als tagespolitischer Kommentar, sondern als strukturierte Diagnose langfristiger systemischer Entwicklungen.

Die Ausgabe 2026 trägt den programmatischen Titel „Under Destruction“ und markiert einen Bruch: Erstmals steht nicht mehr der Wandel oder die Erosion, sondern die aktive Zerstörung zentraler Elemente der internationalen Nachkriegsordnung im Mittelpunkt der Analyse .


Zentrale Diagnose: „Wrecking-Ball Politics“

Der Report konstatiert den Eintritt der Welt in eine Phase der „Wrecking-Ball Politics“ – einer Politikform, die nicht auf Reform, Anpassung oder institutionelle Weiterentwicklung setzt, sondern auf bewusste Demontage bestehender Strukturen. Diese Politikform ist kein Randphänomen, sondern prägt zunehmend die Innen- und Außenpolitik zentraler Akteure.

Treiber dieser Entwicklung sind:

  • ein massiver Vertrauensverlust in demokratische Institutionen,

  • die weit verbreitete Überzeugung, Reformen seien wirkungslos oder unmöglich,

  • sozioökonomische Frustrationen (Stagnation, Ungleichheit, Verlust sozialer Aufstiegsperspektiven).

In dieser Konstellation gewinnen politische Akteure an Zustimmung, die Zerstörung selbst als politische Leistung inszenieren.


Die Rolle der Vereinigten Staaten: Vom Architekten zum Demolierer

Der Bericht identifiziert die Vereinigten Staaten unter Präsident Donald Trump als den derzeit einflussreichsten Akteur dieser destruktiven Dynamik. Paradoxerweise ist es gerade der Staat, der die internationale Ordnung nach 1945 maßgeblich geschaffen und getragen hat, der nun zentrale Pfeiler dieser Ordnung infrage stellt oder offen angreift.

Betroffen sind insbesondere drei Grundsäulen der Nachkriegsordnung:

  1. Multilateralismus und internationales Recht

    • Rückzug aus internationalen Organisationen

    • massive Kürzungen bei Entwicklungs- und humanitärer Hilfe

    • offene Geringschätzung des Völkerrechts, insbesondere des Gewalt- und Interventionsverbots

  2. Offene Weltwirtschaft und regelbasierter Handel

    • Abkehr von WTO-konformen Verfahren

    • massive, unilateral verhängte Zölle

    • ökonomischer Zwang zur Durchsetzung bilateraler „Deals“

  3. Liberale Werte und Bündnissolidarität

    • Relativierung demokratischer Prinzipien

    • demonstrative Nähe zu autoritären Regimen

    • Abwertung langjähriger demokratischer Partner, insbesondere in Europa

Der Report spricht in diesem Zusammenhang von einer „personalisierten Außenpolitik“, bei der institutionelle Verfahren zunehmend durch ad-hoc-Entscheidungen und transaktionale Logiken ersetzt werden.


Europa: Sicherheitsunsicherheit trotz Bündnis

Für Europa beschreibt der Report eine neue Form struktureller Unsicherheit. Zwar besteht das transatlantische Bündnis formal fort, faktisch wird die US-Sicherheitsgarantie jedoch als volatil, konditional und politisch instrumentalisierbar wahrgenommen.

Besonders problematisch ist dies vor dem Hintergrund:

  • des fortdauernden russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine,

  • hybrider Bedrohungen gegen europäische Staaten,

  • offener US-Rhetorik zu territorialen Fragen (z. B. Grönland).

Europa steht damit vor einem strategischen Dilemma:
Bindung an die USA aufrechterhalten, ohne sich dauerhaft in politische Abhängigkeit zu begeben – und zugleich eigene sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit massiv ausbauen.


Indo-Pazifik: Hegemoniale Unsicherheit ohne Sicherheitsnetz

Noch zugespitzter stellt sich die Lage im Indo-Pazifik dar. Dort treffen:

  • ein zunehmend dominanter Machtanspruch Chinas,

  • Zweifel an der Verlässlichkeit amerikanischer Sicherheitszusagen,

  • fehlende institutionelle Gegenstücke zu EU oder NATO

aufeinander. Die Folge ist eine Strategie des Hedgings: Staaten sichern sich parallel ab – durch Aufrüstung, durch Annäherung an China oder durch informelle Koalitionen.


Globale Ökonomie: Vom Regel- zum Machtmarkt

Im Bereich der Weltwirtschaft diagnostiziert der Report einen Übergang von einer regelbasierten Ordnung zu einer machtbasierten Handelsarchitektur. Sowohl die USA als auch China nutzen wirtschaftliche Abhängigkeiten gezielt als politisches Druckmittel.

Gleichzeitig zeigt der Bericht aber auch Gegenbewegungen:

  • neue multilaterale Handelsabkommen,

  • bewusste Rückbindung an WTO-Recht durch mittlere und kleinere Staaten,

  • regionale Diversifizierung von Lieferketten.


Entwicklung und Humanitäres: Systemische Überlastung

Besonders drastisch sind die Folgen für Entwicklungs- und humanitäre Hilfe. Bereits vor 2025 war das internationale System strukturell unterfinanziert. Der Rückzug der USA wirkt nun als existenzieller Schock:

  • Abbruch laufender Programme,

  • Finanzierungslücken ohne realistische Kompensation,

  • steigende humanitäre Risiken, insbesondere für Kinder und fragile Staaten.

Der Report warnt ausdrücklich vor einer neuen Phase globaler sozialer Regression.


Ausblick: Ordnung ist keine Selbstverständlichkeit

Der Munich Security Report 2026 kommt zu einem klaren Schluss:
Die bestehende internationale Ordnung ist nicht irreversibel, aber sie ist nicht mehr selbsttragend.

Wer eine regelbasierte Ordnung erhalten will, muss:

  • eigene Machtressourcen aufbauen und bündeln,

  • institutionelle Strukturen aktiv verteidigen,

  • zugleich glaubwürdig zeigen, dass Reform innerhalb bestehender Systeme möglich ist.

Passivität, so die zentrale Warnung des Berichts, führt nicht zur Stabilisierung, sondern zur Marginalisierung.

 

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