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Lump und die Frage nach dem Unrecht

Lump und die Frage nach dem Unrecht

Lump und Ajax

Es war ein ruhiger Abend auf der Verfassungswiese.

Die Sonne stand bereits tief, und ihre letzten goldenen Strahlen glitzerten auf dem kleinen Teich, während ein leichter Wind durch das Gras strich. Die Mitglieder der Dackelbande waren über die Wiese verteilt. Ares jagte einem Blatt hinterher, Caius beobachtete aufmerksam die Wolken, Eddi suchte nach einem besonders bequemen Platz für sein Abendnickerchen.

Nur Lump wirkte ungewöhnlich nachdenklich.

Der kräftige, struppige Rauhaardackel saß am Rand der Wiese und blickte schweigend auf die alte Eiche, unter der Ajax, der Hüter der VerfassungsWiese, wie so oft seinen Platz eingenommen hatte.

Schließlich erhob sich Lump und ging langsam zu ihm.

„Ajax?“

Der alte Hüter hob den Kopf.

„Ja, Lump?“

Lump setzte sich neben ihn.

Eine Weile sagte er nichts.

Dann fragte er leise:

„Wie geht man eigentlich mit Unrecht um?“

Ajax blickte ihn aufmerksam an.

„Was meinst du genau?“

Lump seufzte.

„Manchmal passiert etwas, das nicht richtig ist. Jemand behauptet etwas Falsches. Oder jemand behandelt einen ungerecht. Oder man wird für etwas verantwortlich gemacht, das man gar nicht getan hat.“

Er schaute auf seine Pfoten.

„Und manchmal tut das sehr weh.“

Ajax nickte.

„Ja. Das tut es.“

„Aber was macht man dann?“

Lump schwieg kurz.

„Wie bleibt man dabei ein Dackel mit Würde und Grundsätzen?“

Ajax sah hinaus über die Wiese.

„Das ist eine der schwierigsten Fragen überhaupt.“

Nun waren auch Caius, Bautz, Ares und die anderen näher gekommen. Sie setzten sich ins Gras und hörten aufmerksam zu.

Ajax begann:

„Jeder Dackel wird irgendwann Unrecht erleben. Das lässt sich nicht verhindern.“

„Auch du?“, fragte Ares überrascht.

Ajax lächelte.

„Natürlich. Jeder von uns.“

„Aber du bist doch der Hüter der Verfassungswiese!“

„Gerade deshalb.“

Die Dackel mussten darüber nachdenken.

Dann fuhr Ajax fort:

„Die erste Versuchung nach einem Unrecht ist die Wut.“

Lump nickte.

„Ja.“

„Die zweite Versuchung ist die Bitterkeit.“

„Auch das kenne ich.“

„Und die dritte Versuchung ist der Wunsch, das gleiche Unrecht zurückzugeben.“

Die Dackel wurden still.

Ajax blickte sie der Reihe nach an.

„Genau an diesem Punkt entscheidet sich der Charakter.“

„Wie meinst du das?“, fragte Bautz.

Ajax antwortete:

„Es ist leicht, gerecht zu sein, wenn alles gut läuft. Es ist leicht, freundlich zu sein, wenn alle freundlich sind.“

Er machte eine Pause.

„Aber wie man handelt, wenn man selbst verletzt wurde – das zeigt, wer man wirklich ist.“

Lump dachte lange darüber nach.

„Dann soll man sich also alles gefallen lassen?“

Ajax schüttelte sofort den Kopf.

„Nein.“

Seine Stimme wurde fest.

„Würde bedeutet nicht Schwäche.“

„Nicht?“

„Nein.“

Ajax richtete sich auf.

„Ein Dackel mit Würde darf sich wehren.“

„Er darf die Wahrheit sagen.“

„Er darf sich verteidigen.“

„Er darf Gerechtigkeit verlangen.“

„Er darf Grenzen setzen.“

„Und er darf verlangen, dass Regeln eingehalten werden.“

Lump nickte langsam.

„Aber?“

Ajax lächelte.

„Aber er darf dabei nicht selbst zu dem werden, was er kritisiert.“

Die Dackel schwiegen.

Der Wind bewegte die Zweige der alten Eiche.

Dann sagte Ajax:

„Die Verfassung der Wiese schützt jeden Dackel. Auch den, der schwach ist. Auch den, der Fehler macht. Und sogar den, mit dem man gerade streitet.“

„Warum?“, fragte Eddi.

„Weil Grundsätze nur dann etwas wert sind, wenn sie auch dann gelten, wenn es schwerfällt.“

Lump hob den Kopf.

„Das heißt, man darf seine Prinzipien nicht aufgeben?“

„Genau.“

Ajax nickte.

„Wenn jemand dir Unrecht tut und du deshalb deine Ehrlichkeit verlierst, hat das Unrecht bereits einen Teil von dir gewonnen.“

„Wenn du wegen einer Lüge selbst anfängst zu lügen, hat das Unrecht gewonnen.“

„Wenn du wegen einer Ungerechtigkeit selbst ungerecht wirst, hat das Unrecht gewonnen.“

Die Worte hingen lange über der Wiese.

Schließlich fragte Caius:

„Und wenn das Unrecht niemals wiedergutgemacht wird?“

Ajax blickte in den Abendhimmel.

„Dann bleibt trotzdem etwas, das niemand nehmen kann.“

„Was denn?“

„Die eigene Haltung.“

Er sah die Dackelbande an.

„Manchmal können wir nicht kontrollieren, was andere tun.“

„Aber wir können kontrollieren, wer wir selbst bleiben.“

Lump spürte, wie etwas von seiner Schwere verschwand.

„Also bedeutet Würde, trotz des Unrechts nicht seine Grundsätze zu verlieren?“

Ajax lächelte.

„Genau das.“

„Und was bedeutet Stärke?“

Ajax legte eine Pfote auf die Erde der VerfassungsWiese.

„Stärke bedeutet nicht, niemals verletzt zu werden.“

„Stärke bedeutet, verletzt worden zu sein und trotzdem an Recht, Wahrheit und Fairness festzuhalten.“

Die Sonne war inzwischen fast verschwunden.

Ein warmer Abendfrieden legte sich über die Wiese.

Lump stand auf.

Sein struppiges Fell bewegte sich im Wind.

„Danke, Ajax.“

Der alte Hüter nickte.

„Vergiss niemals eines, Lump.“

„Was denn?“

Ajax blickte ihn freundlich an.

„Unrecht kann einem Dackel vieles nehmen.“

„Aber nur der Dackel selbst entscheidet, ob er auch seine Würde verliert.“

Lump schaute über die VerfassungsWiese.

Dort spielten seine Freunde.

Dort standen die alte Eiche und der Teich.

Und dort galt für jeden Dackel dieselbe Regel:

Nicht das erlittene Unrecht bestimmte den Wert eines Dackels.

Sondern die Art, wie er ihm begegnete.

Und so ging Lump an diesem Abend mit ruhigem Herzen zurück zu seinen Freunden – nicht weil das Unrecht verschwunden war, sondern weil er verstanden hatte, dass Würde und Grundsätze stärker sein können als jedes Unrecht.

2 Antworten

  1. Rainer sagt:

    Das lässt mich mein Unrecht, dass mir angetan wurde von einer ganz anderen Seite sehen. —— ich wurde von einer fremden Frau wegen Bedrohung angezeigt. Grund dafür war, bei einem Spaziergang mit meinen zwei großen Hunden. An einer Engstelle bat mich Frau , dass ich mit meinen beiden Hunden an ihr und ihrem Hund vorbei laufe. Um eine Konfrontation mit den Hunden aus dem Weg zu gehen, ob sie ihren Hund im Griff habe. Mein junger Rüde 11Monate hat dann gebellt. Darauf hin meinte die Frau , da sieht man wer seine Hunde im Griff hat. Ich habe dann nur mit ‚nur nicht so oberschlau‘ geantwortet und bin meines Weges gegangen. Nach ca. 3 Wochen hatte ich dann eine Anzeige wegen Bedrohung im Briefkasten. Die Frau hat mich wegen der „gelogenen“ Aussage „Ich hau dir gleich auf die Schnauze“ angezeigt.
    Der Staatsanwalt hat zwar die Klage abgewiesen… aber es bleibt ein komisches Gefühl, wenn ich anderen Menschen begegne. Was kommt als Nächstes ?

    • KorffAdmin2 sagt:

      Ich kann sehr gut nachvollziehen, was Sie meinen. Wenn einem zu Unrecht etwas vorgeworfen wird, verändert das tatsächlich den Blick auf andere Menschen. Plötzlich merkt man, wie verletzlich man gegenüber falschen Behauptungen sein kann und wie schnell man selbst in die Rolle des Beschuldigten gerät.

      Gleichzeitig zeigt Ihr Fall aber auch etwas anderes: Unser Rechtsstaat hat funktioniert. Die Staatsanwaltschaft hat die Vorwürfe geprüft und das Verfahren eingestellt. Das ungute Gefühl bleibt zurück, weil die Erfahrung das Grundvertrauen erschüttert.

      Vielleicht besteht die eigentliche Herausforderung darin, sich dieses Vertrauen nicht vollständig nehmen zu lassen. Die allermeisten Begegnungen verlaufen weiterhin normal und respektvoll. Aber man wird vorsichtiger, überlegter und achtet stärker darauf, Missverständnisse gar nicht erst entstehen zu lassen.

      Dass Sie sich heute fragen „Was kommt als Nächstes?“, ist nach einer solchen Erfahrung verständlich. Die wichtigere Frage könnte aber sein: „Will ich zulassen, dass eine falsche Beschuldigung bestimmt, wie ich künftig allen anderen Menschen begegne?“ Darauf sollte die Antwort eigentlich Nein sein.

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