Balder und das ewige Lernen
Es war ein ruhiger Abend auf der Verfassungswiese. Die Sonne stand tief zwischen den alten Eichen, und der Wind bewegte nur ganz leicht das hohe Gras. Die Dackelbande hatte sich nach einem langen Tag um den großen flachen Stein versammelt, auf dem Ajax oft saß, wenn wichtige Dinge besprochen wurden.
Heute aber lag dort nicht Ajax.
Heute hatte sich Balder langsam und mit würdevoller Ruhe auf den Stein gesetzt.
Sein dunkles, struppiges Rauhaarfell war inzwischen grau durchzogen. Seine Bewegungen waren langsamer geworden als früher, und manchmal brauchte er etwas länger, bis er aufstand. Aber wenn Balder sprach, hörten alle zu. Selbst der ungeduldige Ares wurde dann still.
Lump rollte sich ins Gras.
Bautz setzte sich ordentlich hin.
Eddi beobachtete aufmerksam den Himmel.
Und Ajax blieb schweigend etwas abseits sitzen.
„Balder“, fragte Caius schließlich, „warum liest du eigentlich immer noch diese alten Bücher? Du kennst doch schon alles.“
Balder hob langsam den Kopf.
„Gerade deshalb“, sagte er ruhig.
Die anderen schauten ihn verwundert an.
Ares legte den Kopf schief.
„Das verstehe ich nicht.“
Balder lächelte leicht.
„Viele glauben“, begann er, „dass Lernen nur etwas für junge Hunde sei. Für Welpen. Für die Zeit, bevor man stark oder erfahren wird. Aber das ist ein Irrtum.“
Er blickte über die Wiese.
„Wisst ihr, was gefährlich ist?“
„Der Fuchs hinter dem alten Wall?“, fragte Lump vorsichtig.
Balder schüttelte den Kopf.
„Nein. Gefährlich ist, wenn man glaubt, nichts mehr lernen zu müssen.“
Jetzt wurde es still.
Selbst die Vögel schienen für einen Moment leiser geworden zu sein.
Balder sprach langsam weiter:
„Als ich jung war, dachte ich oft, Stärke bedeute, Antworten zu kennen. Heute weiß ich: Wahre Stärke bedeutet, weiter Fragen zu stellen.“
Ajax nickte kaum sichtbar.
„Aber du bist doch schon der Älteste von uns“, sagte Bautz. „Du hast mehr erlebt als wir alle zusammen.“
„Gerade deshalb“, antwortete Balder. „Je mehr man erlebt, desto mehr versteht man, wie groß die Welt wirklich ist.“
Dann zeigte er mit der Schnauze auf den kleinen Teich am Rand der Verfassungswiese.
„Als Welpe dachte Ares vielleicht, der Teich sei die ganze Welt. Dann lernte er den Wald kennen. Danach die Hügel. Danach die Stadt. Und irgendwann merkt jeder Dackel: Hinter jedem Hügel beginnt wieder etwas Neues.“
Ares dachte kurz nach.
„Dann hört Lernen niemals auf?“
„Nein“, sagte Balder. „Und das ist etwas Gutes.“
Lump runzelte die Stirn.
„Aber warum sollte ein alter Dackel noch lernen wollen?“
Balder sah ihn freundlich an.
„Weil Lernen nicht nur Wissen bedeutet. Lernen bedeutet auch, beweglich im Kopf zu bleiben. Bescheiden zu bleiben. Andere zu verstehen. Fehler zu erkennen. Und manchmal sogar seine Meinung zu ändern.“
Diese letzten Worte überraschten die Dackelbande besonders.
„Auch alte Dackel können sich irren?“, fragte Eddi vorsichtig.
Balder lachte leise.
„Sehr sogar.“
Nun musste selbst Ajax schmunzeln.
Balder richtete sich etwas auf.
„Wer nicht mehr lernen will, beginnt innerlich hart zu werden. Er hört anderen nicht mehr zu. Er glaubt, immer recht zu haben. Aber genau dann verliert man etwas Wichtiges.“
„Was denn?“, fragte Ares.
Balder blickte lange in die Abendsonne.
„Die Fähigkeit, klüger zu werden.“
Ein warmer Wind zog über die Verfassungswiese.
Dann stand Balder langsam auf. Nicht hastig. Nicht schwach. Sondern ruhig und würdevoll.
„Ein Dackel“, sagte er schließlich, „ist nicht alt, wenn seine Beine langsamer werden. Alt wird er erst dann, wenn seine Neugier stirbt.“
Lange sagte niemand etwas.
Die jungen Dackel blickten nachdenklich über die Wiese.
Und während die Sonne langsam hinter den Bäumen verschwand, nahm Balder eines seiner alten Bücher zwischen die Pfoten, öffnete es ganz vorsichtig — und begann wieder zu lesen.

