Wettermodifikation: Wenn Staaten in den Niederschlag eingreifen
Von künstlichem Regen, Wolkenimpfung und der Frage, ob Niederschlag lediglich „vermehrt“ oder räumlich verlagert wird
Die Vorstellung, der Mensch könne das Wetter technisch beeinflussen, klingt zunächst nach Zukunftstechnologie. Tatsächlich wird Wettermodifikation seit Jahrzehnten praktiziert. Die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) bestätigt, dass weltweit in mehr als 50 Staaten operative Programme zur Beeinflussung von Nebel, Regen, Schnee oder Hagel stattfinden. Das Ziel reicht von zusätzlichem Niederschlag über die Vergrößerung von Schneereserven bis zur Hagelabwehr.
Damit ist zunächst eine wichtige Feststellung zu treffen: Wetterbeeinflussung ist weder eine Theorie noch eine technisch bedeutungslose Randerscheinung. Sie findet tatsächlich statt.
Ebenso wichtig ist jedoch die zweite Feststellung: Was technisch möglich ist, liegt weit unterhalb einer beliebigen „Steuerung des Wetters“. Man kann keine Regenwolke aus blauem Himmel erzeugen, keine beliebige Luftmasse umlenken und keinen großräumigen Tiefdruckkomplex nach Wunsch herstellen. Nach der WMO sind die Energiemengen atmosphärischer Wettersysteme viel zu groß, um auf diese Weise Wind- und Zirkulationssysteme zu kontrollieren.
Die interessante Frage liegt daher dazwischen: Wie weit kann der Mensch vorhandene Wolken und damit Zeitpunkt, Intensität und möglicherweise auch den Ort des Niederschlags beeinflussen?
Teil I: Wie künstliche Wetterbeeinflussung funktioniert
Cloud Seeding – Wolken werden nicht erzeugt, sondern verändert
Das verbreitetste Verfahren ist das sogenannte Cloud Seeding, zu Deutsch Wolkenimpfung.
Das Prinzip besteht darin, vorhandene Wolken mit zusätzlichen Kondensations- oder Gefrierkeimen zu versehen. Dadurch soll die mikrophysikalische Entwicklung innerhalb der Wolke verändert werden.
Im Wesentlichen gibt es zwei Verfahren.
Beim glaziogenen Cloud Seeding werden vor allem Silberiodidpartikel eingesetzt. Ihre Kristallstruktur ähnelt derjenigen von Eis. In Wolken, die unterkühltes flüssiges Wasser enthalten, können dadurch zusätzliche Eiskristalle entstehen. Diese wachsen, fallen schließlich aus der Wolke und erreichen den Boden als Schnee oder nach dem Schmelzen als Regen. Gerade bei winterlichen Gebirgswolken ist dieser Mechanismus inzwischen relativ gut nachgewiesen. Die WMO spricht hier ausdrücklich von statistischen und physikalischen Belegen für eine Niederschlagsverstärkung unter geeigneten Bedingungen.
Beim hygroskopischen Cloud Seeding werden dagegen beispielsweise Salzpartikel in warme oder konvektive Wolken eingebracht. Sie sollen das Zusammenstoßen und Zusammenwachsen kleiner Wassertröpfchen beschleunigen. Die Regentropfen werden größer und können früher ausfallen. Bei solchen dynamisch komplexen Wolken ist die wissenschaftliche Bewertung allerdings erheblich schwieriger.
Ausgebracht werden die Stoffe durch Flugzeuge, Bodenstationen, teilweise Raketen oder pyrotechnische Fackeln. Neben Silberiodid kommen unter anderem Kochsalzverbindungen und Trockeneis zum Einsatz.
Das entscheidende physikalische Prinzip lautet damit:
Cloud Seeding produziert kein Wasser. Es versucht, vorhandenes atmosphärisches Wasser effizienter oder zu einem bestimmten Zeitpunkt aus einer vorhandenen Wolke ausfallen zu lassen.
Wie groß ist der Effekt?
Hier beginnen die Unsicherheiten.
Das US-amerikanische Government Accountability Office untersuchte 2024 die wissenschaftliche Literatur. Die ausgewerteten Untersuchungen kamen – je nach Methode und meteorologischer Situation – auf eine zusätzliche Niederschlagsmenge zwischen 0 und 20 Prozent. Das GAO betont zugleich, dass die tatsächliche Wirksamkeit schwer zu bestimmen ist und geeignete Wolken überhaupt erst vorhanden sein müssen.
Die WMO formuliert ähnlich zurückhaltend: Zwar lasse sich die Mikrostruktur geeigneter Wolken nachweislich beeinflussen, die Ergebnisse verschiedener Experimente seien aber nicht ohne Weiteres auf andere Regionen und Wolkentypen übertragbar. Bei einigen historischen Versuchen hätten die Ergebnisse sogar nicht der ursprünglich angenommenen Wirkungsrichtung entsprochen.
Wettermodifikation ist deshalb keine Regenmaschine. Sie ist eher der Versuch, in einen bereits laufenden atmosphärischen Prozess einzugreifen und dessen Niederschlagseffizienz zu verändern.
Welche Staaten greifen in das Wetter ein?
Eine vollständig aktuelle Weltliste ist schwer zu erstellen. Die WMO spricht von mehr als 50 Staaten, weist jedoch selbst darauf hin, dass Programme unterschiedliche wissenschaftliche Standards und Zielsetzungen besitzen. Zu unterscheiden sind dauerhafte staatliche Programme, regionale Projekte, Forschungsversuche und privat finanzierte Hagelabwehr.
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Staat/Region |
Art der Wetterbeeinflussung |
Charakter |
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China |
Regen- und Schneeverstärkung, Hagelabwehr, Dürrebekämpfung, Brandbekämpfung |
groß angelegtes staatliches Programm |
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USA |
insbesondere Schnee- und Regenverstärkung in westlichen Bundesstaaten |
mehrere staatliche/regional finanzierte Programme |
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Vereinigte Arabische Emirate |
Regenverstärkung durch hygroskopisches Cloud Seeding |
nationales Forschungs- und Operationsprogramm |
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Saudi-Arabien |
Regenverstärkung |
staatliches Regional Cloud Seeding Program |
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Thailand |
künstliche Regenverstärkung |
staatlich institutionalisierte „Royal Rainmaking“-Struktur |
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Indonesien |
Regenverstärkung, Brandbekämpfung, teilweise räumliche Niederschlagssteuerung |
regelmäßig staatlich eingesetzt |
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Indien |
wissenschaftliche und regionale Niederschlagsverstärkung |
umfangreiches Forschungsprogramm CAIPEEX |
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Iran |
Niederschlagsverstärkung |
Einsatz gegen zunehmende Wasserknappheit |
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Griechenland |
Hagelbekämpfung |
nationales saisonales Programm |
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Frankreich |
Hagelabwehr |
insbesondere regional und landwirtschaftlich organisiert |
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Deutschland |
Hagelabwehr |
regionale Programme, insbesondere Süddeutschland |
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Kanada/Alberta |
Hagelabwehr |
regionales, wesentlich von Versicherern finanziertes Programm |
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Australien |
vor allem Schneeverstärkung |
langjährige Programme, inzwischen weitgehend eingestellt |
Diese Aufstellung ist nicht abschließend.
China – Wettermodifikation im industriellen Maßstab
China besitzt die wohl ambitionierteste staatliche Infrastruktur zur Wettermodifikation.
Der chinesische Staatsrat beschloss 2020 den systematischen Ausbau. Für das Jahr 2025 wurde eine operative Fläche für künstliche Regen- beziehungsweise Schneeverstärkung von mehr als 5,5 Millionen Quadratkilometern und für Hagelbekämpfung von mehr als 580.000 Quadratkilometern als Zielgröße genannt. Für 2035 soll das chinesische System technologisch zur Weltspitze gehören. Zu den ausdrücklich genannten Einsatzfeldern gehören Dürre, Landwirtschaft, ökologische Wiederherstellung, Wald- und Graslandbrände sowie außergewöhnliche Hitzeperioden.
Schon die Größenordnung macht deutlich, dass Wettermodifikation hier nicht als wissenschaftliches Kleinexperiment verstanden wird, sondern als Teil staatlicher Wasser-, Landwirtschafts- und Katastrophenschutzpolitik.
Die Vereinigten Staaten
In den USA ist die Struktur föderaler.
Nach der Untersuchung des GAO waren Ende 2024 neun US-Bundesstaaten mit Cloud-Seeding-Programmen aktiv. Im Westen der Vereinigten Staaten geht es insbesondere darum, den Schneefall über Gebirgen zu erhöhen. Schnee ist dort ökonomisch besonders wertvoll, weil die winterliche Schneedecke gewissermaßen als natürlicher Wasserspeicher funktioniert und das Schmelzwasser später Reservoirs und Flusssysteme speist.
Gerade die USA zeigen allerdings auch die politische Kontroverse. Das GAO stellte fest, dass andere Bundesstaaten Verbote beschlossen oder entsprechende Verbote erwogen haben. Zugleich kritisiert die Bundesbehörde unzureichende Daten, unterschiedliche Berichtssysteme und fehlende Informationen über langfristige Folgen.
Vereinigte Arabische Emirate und Saudi-Arabien
Für Staaten mit extremer Wasserknappheit ist Regenverstärkung ökonomisch besonders attraktiv.
Die Vereinigten Arabischen Emirate betreiben mit dem UAE Research Program for Rain Enhancement Science ein internationales Forschungsprogramm zur Verbesserung der Cloud-Seeding-Technologie. Die Forschungsarbeiten reichen inzwischen von klassischen hygroskopischen Stoffen bis zu neu entwickelten Materialien und optimierten Ausbringungsmethoden. Das Programm wird auch 2026 weitergeführt.
Auch Saudi-Arabien unterhält über sein National Center for Meteorology ein Regional Cloud Seeding Program. Das Programm ist ausdrücklich Bestandteil der Strategie zur Verbesserung der Wasserverfügbarkeit.
Thailand und Indonesien
Thailand besitzt mit seinem Department of Royal Rainmaking and Agricultural Aviation eine eigene staatliche Institution für Wettermodifikation. Das Verfahren wird seit Jahrzehnten zur Unterstützung der Landwirtschaft und zur Auffüllung von Wasserspeichern eingesetzt.
Besonders bemerkenswert ist Indonesien. Dort wird Wettermodifikation nicht nur zur Regenverstärkung eingesetzt, sondern gezielt im Katastrophenschutz. Die Regierung setzte Cloud Seeding beispielsweise zur Bekämpfung von Trockenheit, Wald- und Torfbränden und zur Auffüllung von Wasserreservoirs ein.
Im Jahr 2026 wurden solche Maßnahmen erneut angesichts einer schweren Trocken- und Waldbrandsituation eingesetzt. Gerade dort zeigt sich allerdings auch die technische Grenze: Fehlen geeignete Regenwolken, können selbst vorhandene Flugzeuge und technische Infrastruktur keinen Niederschlag erzwingen.
Indien
Indien betreibt mit CAIPEEX – Cloud Aerosol Interaction and Precipitation Enhancement Experiment eines der wissenschaftlich umfangreicheren Programme.
Dabei werden Wolken mit Flugzeugen geimpft, während Radar, Messflugzeuge und Bodennetzwerke versuchen, den tatsächlichen Effekt wissenschaftlich zu isolieren. Das indische Earth Sciences Ministry beziffert den in Versuchen erzielten beziehungsweise abgeleiteten zusätzlichen Niederschlag inzwischen auf etwa 18 Prozent unter geeigneten Bedingungen. Diese Zahl ist allerdings als Ergebnis eines spezifischen Programms und nicht als allgemein erreichbare Regensteigerung zu verstehen.
Auch Europa greift in Wolken ein
Wettermodifikation ist keineswegs nur ein Phänomen autoritärer Staaten oder wasserarmer Wüstenregionen.
Griechenland betreibt jedes Jahr ein nationales Programm zur Hagelabwehr. Dabei werden Gewitterwolken aus Flugzeugen geimpft.
In Frankreich werden zur Hagelabwehr unter anderem Bodenstationen betrieben, die Silberiodidpartikel freisetzen.
Und auch Deutschland kennt Wetterbeeinflussung. Im süddeutschen Raum werden sogenannte Hagelflieger eingesetzt. Noch im August 2026 berichtete der Landkreis Rosenheim über Einsätze, bei denen Silberiodid in Gewitterzellen eingebracht wurde. Die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages haben die verschiedenen deutschen Hagelabwehraktivitäten ebenfalls dokumentiert. Es handelt sich allerdings nicht um ein deutsches nationales Programm zur Erhöhung des Niederschlags, sondern um regional organisierte Hagelabwehr.
Teil II: Wenn es an einem Ort mehr regnet – regnet es dann an einem anderen weniger?
Damit kommt man zu einer wesentlich interessanteren Frage als derjenigen, ob Cloud Seeding überhaupt existiert.
Niederschlag ist Teil eines physikalischen Wasserkreislaufs. Wenn vorhandenes atmosphärisches Wasser durch technische Einwirkung früher oder an einem bestimmten Ort zum Ausfallen gebracht wird, stellt sich zwangsläufig die Frage, was anschließend mit der entsprechenden Luftmasse geschieht.
Diese Frage darf weder vorschnell bejaht noch vorschnell verworfen werden.
Kann man einem anderen Gebiet den Regen „wegnehmen“?
Eine einfache Rechnung nach dem Motto „zehn Millimeter mehr Regen in A bedeuten zehn Millimeter weniger Regen in B“ wäre meteorologisch falsch. Eine Wolke ist kein geschlossener Wasserbehälter. Sie tauscht fortlaufend Wärme und Feuchtigkeit mit ihrer Umgebung aus, wächst, löst sich auf, wird durch Auf- und Abwinde verändert und kann aus anderen Luftschichten zusätzliche Feuchtigkeit aufnehmen.
Dennoch ist die Ausgangsfrage wissenschaftlich legitim. Denn wenn Cloud Seeding tatsächlich die Niederschlagsbildung einer Luftmasse verändert, kann jedenfalls theoretisch auch ihre weitere Entwicklung in Windrichtung verändert werden.
Genau diesen Punkt schließt die WMO keineswegs aus. Sie stellt ausdrücklich fest, dass unbeabsichtigte Folgen von Wettermodifikationen, darunter „downwind effects“, also Auswirkungen in Gebieten in Windrichtung, in wissenschaftlichen Untersuchungen beschrieben worden seien. Diese Effekte müssten jedoch erheblich besser untersucht werden.
Das ist eine bemerkenswert wichtige Feststellung. Sie bedeutet nicht, dass Cloud Seeding nachweislich Nachbarregionen austrocknet. Sie bedeutet aber ebenso wenig, dass die Frage wissenschaftlich erledigt wäre.
Niederschlag ist räumlich – und Wasser besitzt einen ökonomischen Wert
Die Problematik wird deutlicher, wenn Wasser nicht nur meteorologisch, sondern wirtschaftlich betrachtet wird. Ein Kubikmeter Wasser, der als Schnee über einem chinesischen, amerikanischen oder saudi-arabischen Zielgebiet niedergeht, ist für Landwirtschaft, Trinkwasserversorgung oder Energieerzeugung von erheblichem Wert. Sollte ein Teil dieses Wassers ohne technische Intervention erst 100 oder 300 Kilometer später als Niederschlag ausgefallen sein, hätte die Intervention nicht lediglich „mehr Regen erzeugt“, sondern einen Bestandteil des natürlichen Wassertransports räumlich verändert.
Gerade bei grenzüberschreitenden Luftströmungen entstünde daraus eine völlig neue Dimension. Atmosphärisches Wasser kennt keine Staatsgrenzen.
Deshalb gewinnt mit zunehmender technischer Leistungsfähigkeit auch die Frage an Bedeutung, ob ein Staat einseitig Niederschlagsprozesse beeinflussen darf, wenn potentielle Auswirkungen außerhalb seines Staatsgebietes wissenschaftlich nicht ausgeschlossen werden können.
Dass die WMO inzwischen Transparenz, internationale Zusammenarbeit und Governance ausdrücklich zum zentralen Thema der Wettermodifikation macht, ist vor diesem Hintergrund folgerichtig.
Könnte Wettermodifikation einen Teil beobachteter Niederschlagsveränderungen erklären?
An dieser Stelle ist sorgfältig zwischen Hypothese und Nachweis zu unterscheiden.
Es gibt derzeit keinen belastbaren wissenschaftlichen Nachweis, dass die weltweit betriebenen Cloud-Seeding-Programme eine wesentliche Ursache großräumiger oder globaler Niederschlagsrückgänge sind.
Die WMO weist vielmehr darauf hin, dass die energetischen Dimensionen großer Wettersysteme weit über den technischen Möglichkeiten heutiger Wettermodifikation liegen. Deshalb wäre die Behauptung, Trockenheit in Europa oder globale Veränderungen des Niederschlags seien im Wesentlichen auf künstliches Abregnen in anderen Staaten zurückzuführen, nach heutigem wissenschaftlichen Stand nicht seriös.
Umgekehrt wäre es aber ebenfalls wissenschaftlich unbefriedigend, anthropogene Wettermodifikation bei regionalen Niederschlagsanalysen grundsätzlich für irrelevant zu erklären, wenn in demselben Zeitraum in der betreffenden Region oder in relevanten vorgelagerten Luftmassen systematisch Wettermodifikation stattfindet.
Gerade bei jahrzehntelangen Programmen wären transparente Daten deshalb notwendig: Wo wurde geimpft? Wann? Mit welchem Stoff? Welche Wolke? Welche Windrichtung? Welche Niederschlagsmenge fiel vor und hinter dem Zielgebiet? Die WMO verlangt für wissenschaftlich belastbare Bewertungen deshalb Kontrollfälle, Randomisierung, statistische Auswertung und physikalische Begleitmessungen.
„Weniger Regen wegen Klimawandel“ ist ohnehin eine zu einfache Formel
Auch unabhängig vom Cloud Seeding ist die Aussage „Klimawandel führt zu weniger Niederschlag“ wissenschaftlich zu pauschal. Ein wärmeres Klima bedeutet nicht global einfach weniger Regen. Eine wärmere Atmosphäre kann mehr Wasserdampf aufnehmen. Dadurch steigt das Potential für intensive Niederschlagsereignisse. Gleichzeitig erhöhen höhere Temperaturen die Verdunstung, trocknen Böden schneller aus und verändern Zirkulations- und Niederschlagsmuster.
Die Folge kann daher paradox erscheinen: mehr Starkregen und gleichzeitig mehr Dürre.
Die WMO beschreibt genau diese Entwicklung als zunehmend erratischen Wasserkreislauf: Eine wärmere Atmosphäre enthält mehr Feuchtigkeit und begünstigt starke Niederschläge; gleichzeitig verschärfen höhere Verdunstung und schnellere Bodenaustrocknung Dürreperioden. Für einzelne Regionen muss daher getrennt untersucht werden, ob sich Niederschlagsmenge, Niederschlagshäufigkeit, saisonale Verteilung, Verdunstung, Bodenfeuchte oder Abfluss verändern. Ein Gebiet kann beispielsweise nahezu dieselbe Jahresniederschlagsmenge erhalten und trotzdem stärker unter Trockenheit leiden, wenn der Regen in wenigen Starkregenereignissen fällt und lange trockene Perioden dazwischen liegen.
Noch komplizierter: Der Mensch beeinflusst Wolken auch unbeabsichtigt
Eine weitere Dimension wird in der öffentlichen Diskussion erstaunlich wenig wahrgenommen.
Die WMO stellt ausdrücklich fest, dass menschliche Aktivitäten auch ohne bewusstes Cloud Seeding lokale und teilweise regionale Wolkeneigenschaften und Niederschläge verändern können. Als Beispiele nennt sie Großstädte und die durch Schifffahrt verursachten Aerosolspuren. Industrie, Verkehr, Schifffahrt und andere Quellen verändern die Konzentration von Aerosolen in der Atmosphäre. Aerosole wiederum können als Kondensationskeime wirken und damit Wolkenbildung, Tröpfchengröße und Niederschlagsprozesse verändern. Das macht die Ursachenanalyse regionaler Niederschlagsveränderungen erheblich komplizierter.
Es existieren nebeneinander:
- natürliche Klimavariabilität,
- langfristiger anthropogener Treibhauseffekt,
- Landnutzungsänderungen,
- Aerosole und Luftverschmutzung,
- urbaner Wärmeinseleffekt,
- natürliche Ozeanzyklen wie El Niño
- und schließlich bewusste Wettermodifikation.
Eine wissenschaftlich saubere Klimaanalyse muss diese Einflüsse auseinanderhalten, soweit dies überhaupt möglich ist.
Wettermodifikation und Klimawandel sind nicht dasselbe
Hier ist eine weitere begriffliche Grenze wichtig. Cloud Seeding ist Wettermodifikation. Geoengineering wäre Klimaeingriff.
Die WMO unterscheidet ausdrücklich zwischen beiden Kategorien. Klassisches Cloud Seeding wirkt auf lokale bis regionale Räume und kurze Zeiträume. Climate Intervention oder Geoengineering zielt dagegen auf großräumige und langfristige Veränderungen des Klimasystems.
Cloud Seeding kann daher nach dem heutigen Stand nicht mit einem technischen Eingriff in das globale Klima gleichgesetzt werden. Doch daraus folgt nicht, dass seine kumulierten regionalen Wirkungen uninteressant wären. Je mehr Staaten Wettermodifikation systematisch einsetzen, je größer die Einsatzgebiete werden und je präziser Radar, künstliche Intelligenz, Drohnen und numerische Modelle die Auswahl geeigneter Wolken ermöglichen, desto wichtiger wird die Frage nach kumulativen und grenzüberschreitenden Effekten.
Genau diese technologische Entwicklung war 2025 Gegenstand der WMO-Konferenz zur Wettermodifikation: KI, hochauflösende Modelle und unbemannte Systeme verbessern zunehmend die operative Zielauswahl. Gleichzeitig rückten Verantwortlichkeit, Transparenz und internationale Governance in den Mittelpunkt.
Das eigentliche wissenschaftspolitische Problem: Wir experimentieren schneller, als wir die Folgen messen
Damit liegt die kritische Frage nicht darin, Wettermodifikation pauschal als Ursache des Klimawandels zu erklären. Dafür gibt es keine Belege. Problematisch ist vielmehr eine andere Asymmetrie:
Staaten investieren erhebliche Mittel, um den Niederschlag gezielt zu erhöhen oder zu verlagern, während die Datenlage über unbeabsichtigte Auswirkungen in Windrichtung weiterhin begrenzt ist.
Das amerikanische GAO beklagt ausdrücklich fehlende oder unzuverlässige Informationen über Effektivität und Folgen sowie Defizite bei der Dokumentation. Auch die WMO erklärt, dass potentielle unbeabsichtigte ökologische und meteorologische Auswirkungen weiter untersucht werden müssen. Wer also technisch in einen natürlichen Prozess eingreift, dessen Verteilung für Landwirtschaft, Trinkwasser, Ökosysteme und ganze Volkswirtschaften existentiell ist, sollte nicht lediglich nachweisen müssen, dass der Eingriff im Zielgebiet funktioniert.
Er müsste ebenso untersuchen, was außerhalb des Zielgebietes geschieht.
Ergebnis
Die seriöse Diskussion über Wettermodifikation muss zwei Übertreibungen vermeiden.
Es wäre falsch zu behaupten, Staaten könnten heute das globale Wetter oder Klima nach Belieben kontrollieren. Dafür fehlen sowohl die technischen Möglichkeiten als auch die wissenschaftlichen Belege.
Ebenso falsch wäre aber die Vorstellung, künstliche Wetterbeeinflussung sei bedeutungslos oder existiere nur experimentell.
Mehr als 50 Staaten betreiben nach Angaben der WMO Wettermodifikationsprogramme. China plant entsprechende Operationen auf Flächen von mehreren Millionen Quadratkilometern. Die USA, die Vereinigten Arabischen Emirate, Saudi-Arabien, Thailand, Indonesien und weitere Staaten investieren erhebliche Mittel in die Technologie. Selbst in Deutschland werden Gewitterwolken mit Silberiodid behandelt.
Die zentrale offene Frage lautet deshalb nicht:
„Kann der Mensch Wetter beeinflussen?“
Das kann er unter bestimmten Bedingungen nachweislich.
Die wichtigere Frage lautet:
Was geschieht mit einem atmosphärischen Wassersystem, wenn immer mehr Staaten entscheiden, wann und wo ein Teil dieses Wassers ausfallen soll?
Bislang gibt es keinen Nachweis dafür, dass Cloud Seeding die großräumigen Niederschlagsrückgänge verursacht, die dem Klimawandel zugerechnet werden. Die etablierten physikalischen Erklärungen für veränderte Niederschlags- und Dürremuster werden dadurch nicht widerlegt. Aber die WMO selbst räumt ein, dass mögliche Auswirkungen in Windrichtung und andere unbeabsichtigte Folgen noch nicht hinreichend verstanden sind.
Daraus folgt wissenschaftspolitisch ein naheliegender Anspruch: Jede großmaßstäbliche Wettermodifikation sollte vollständig dokumentiert, meteorologisch überwacht und hinsichtlich ihrer Auswirkungen außerhalb des Zielgebietes unabhängig untersucht werden. Bei grenzüberschreitenden Luftmassen müsste zusätzlich internationale Transparenz hergestellt werden.
Denn Wasser lässt sich politisch einem Staat zuordnen, solange es sich in einem Reservoir befindet.
Solange es jedoch als Wasserdampf und Wolke durch die Atmosphäre zieht, ist es Bestandteil eines grenzüberschreitenden natürlichen Systems. Wer dieses System technisch verändert, sollte deshalb nicht nur den gewünschten Nutzen, sondern auch die räumlichen Folgen seines Eingriffs erklären können.
