Dackel: Individualität – auch beim Fressen
Es lag etwas Besonderes in der Luft. Nicht Regen. Nicht Grillwurst. Nicht einmal Igel.
Es roch nach Schweineohr.
Zehn Dackel standen in einem Halbkreis und blickten mit jener höchst konzentrierten Ernsthaftigkeit drein, die ein Dackel dann entwickelt, wenn er der festen Überzeugung ist, dass etwas ganz besonderes Essbares nun gereicht wird.
Balder, Axel, Ajax, Caius, Bossi, Lump, Eddi, Gaius, Bautz und Ares warteten.
Dann bekam jeder ein Schweineohr zum Knabbern. Gleichzeitig endete damit bereits jede Gemeinsamkeit unter den Mitgliedern der Dackelbande.
Lump hatte seines noch nicht richtig zwischen den Zähnen, da war es praktisch schon verschwunden. Er kaute zehnmal, vielleicht elfmal, schluckte, leckte sich sorgfältig über die Schnauze und blickte anschließend interessiert zu den anderen.
„So“, sagte sein Gesichtsausdruck. „Und was gibt es jetzt?“
Axel arbeitete ähnlich effizient. Er legte sein Schweineohr allerdings zunächst auf den Boden, betrachtete es einen Augenblick lang prüfend, als müsse er dessen Echtheit feststellen, nahm es wieder auf und fraß es anschließend mit beeindruckender Geschwindigkeit vollständig auf.
Danach setzte er sich neben Lump.
Zwei Dackel ohne Schweineohr.
Aber mit außerordentlichem Interesse an den acht anderen Schweineohren.
Ajax dagegen hatte mit Essen überhaupt noch nicht begonnen.
Ajax betrieb Vorratspolitik.
Er trug sein Schweineohr zunächst an den Rand der Verfassungswiese, legte es unter einen Busch, betrachtete den Platz kritisch, nahm es wieder auf, ging sieben Meter weiter und schob es unter eine kleine Holzbank.
Auch dieser Ort überzeugte ihn nicht.
„Man muss bei der Vorratshaltung“, erklärte Ajax, während er erneut mit seinem Schweineohr davonmarschierte, „drei Dinge berücksichtigen: Zugriffssicherheit, Bodenbeschaffenheit und die Wahrscheinlichkeit feindlicher Übernahmen.“
Lump folgte ihm in ungefähr zwei Metern Abstand.
„Vier Dinge“, ergänzte Ajax und sah über die Schulter. „Man muss Lump berücksichtigen.“
Schließlich verschwand das Schweineohr an einem streng geheimen Ort hinter einem dicken Grasbüschel.
Ajax setzte sich ungefähr fünf Meter davon entfernt hin und tat so, als habe er mit diesem Grasbüschel überhaupt nichts zu tun.
Niemand glaubte ihm.
Bautz wiederum hatte sein Schweineohr vor sich zwischen den Vorderpfoten liegen.
Er fraß es nicht.
Er leckte es.
Von links.
Von rechts.
Oben.
Unten.
Dann drehte er es um und begann von vorne.
Nach ungefähr zwanzig Minuten glänzte das Schweineohr wie frisch poliert.
„Willst du das eigentlich irgendwann essen?“, fragte Bossi.
Bautz sah erstaunt auf.
Diese Frage schien ihm völlig neu zu sein.
Am Abend nahm er das Ohr mit zu seinem Schlafplatz, legte es unmittelbar vor seine Nase und schlief ein.
Am nächsten Morgen lag es noch dort.
Am übernächsten auch.
Und noch drei Tage später schlief Bautz mit seinem Schweineohr vor der Nase und einer Vorderpfote darauf.
Wer sich näherte, bekam einen Blick, der unmissverständlich erklärte: Eigentum verpflichtet – insbesondere den Eigentümer zur Bewachung.
Balder ging die Angelegenheit altersweise an.
Er nahm sein Schweineohr, suchte sich einen gemütlichen Platz in der Sonne und kaute sorgfältig an einer Ecke.
Dann an der anderen.
Nach einer Weile schien er zu dem Ergebnis gekommen zu sein, dass genug getan war.
Er stand auf und ließ das Schweineohr einfach liegen.
„Balder“, rief Caius, „du hast dein Ohr vergessen!“
Balder drehte sich kurz um.
„Nein.“
Mehr sagte er nicht.
Ares hatte diese Szene aus einiger Entfernung beobachtet.
Ares war jung, aufmerksam und offenbar der Meinung, dass herrenlose Schweineohren keinesfalls herrenlos bleiben sollten.
Ares hatte sein eigenes Schweineohr schon längst in Sicherheit gebracht. Hinter dem großen Busch, dort, wo die Wiese leicht anstieg, hatte er ein Loch gegraben, das Ohr hineingelegt, alles sorgfältig zugescharrt und die Stelle anschließend mit der Nase festgestampft.
Kaum war Balder drei Schritte weitergegangen, erschien Ares.
Er packte das angekaute Ohr und verschwand.
Nicht irgendwohin.
Ares hatte einen Plan.
Unter einem Busch am Rand der Verfassungswiese begann er zu graben. Erst mit der rechten Vorderpfote. Dann mit der linken. Dann mit beiden in einer Geschwindigkeit, bei der kleine Erdklumpen mehrere Meter weit flogen.
Das Schweineohr kam in die Grube.
Erde darüber.
Noch mehr Erde.
Dann Blätter.
Dann ein kleiner Zweig.
Am Ende befand sich dort ein beeindruckender Hügel.
Ares trat zwei Schritte zurück und betrachtete sein Werk.
„Unauffällig“, fand er.
Mitten auf der ansonsten völlig ebenen Wiese erhob sich nun ein kleiner Berg.
Balder kam später daran vorbei, betrachtete erst den Hügel, dann Ares und sagte nur:
„Sehr unauffällig.“
Caius hingegen behandelte sein Schweineohr wie ein wissenschaftliches Untersuchungsobjekt.
Er trug es zunächst einmal über die gesamte Wiese.
Dann legte er es ab.
Dann hob er es wieder auf.
Er probierte, ob man es am dicken Ende besser tragen konnte als am dünnen. Anschließend untersuchte er, ob das Ohr beim Werfen flog.
Es flog.
Allerdings nicht besonders gut.
Beim zweiten Versuch landete es in einem Grasbüschel.
Beim dritten beinahe im Teich.
„Man könnte daraus ein Spiel entwickeln“, stellte Caius fest.
„Man könnte es auch essen“, bemerkte Lump.
Caius ignorierte ihn.
Bossi war Pragmatiker.
Er setzte sich mit dem Schweineohr in ausreichender Entfernung zu Lump und Axel, hielt es mit beiden Vorderpfoten fest und kaute gleichmäßig und konzentriert.
Nicht hastig.
Nicht langsam.
Ein ordentliches Schweineohr erforderte schließlich eine ordentliche Bearbeitung.
Alle paar Minuten machte Bossi eine Pause, blickte in die Runde und kontrollierte, ob sich jemand näherte.
Kam Lump zwei Schritte zu dicht heran, genügte ein Blick.
Lump verstand durchaus.
Er tat nur gern so, als verstehe er nicht.
Eddi nahm sein Schweineohr mit zum Teich.
Er legte am Ufer ab, sah ins Wasser und wartete auf einen Frosch.
Ein Frosch erschien.
Eddi stupste das Schweineohr ein Stück näher ans Wasser.
Der Frosch sprang hinein.
Platsch.
Eddi war begeistert.
Er nahm das Schweineohr wieder auf und lief zehn Meter weiter.
Dort wartete er auf den nächsten Frosch.
„Das ist kein Schweineohr mehr“, stellte Ajax nach einiger Zeit fest. „Das ist inzwischen ein mobiles Froschabschreckungssystem.“
Eddi war war fröhlich – für ihn war es ein hervorragender Nachmittag.
Gaius hatte ebenfalls sehr eigene Vorstellungen.
Er nahm sein Schweineohr und trug es zu seinem berühmten Stockhaufen.
Dort legte er es zwischen zwei besonders schöne lange Stöcke.
Er ging einen Schritt zurück.
Sah es an.
Verschob einen Stock.
Verschob das Ohr.
Dann noch einen Stock.
„Was machst du?“, fragte Bautz.
„Ich ordne.“
„Warum?“
Gaius dachte nach.
„Weil es besser aussieht.“
Am Ende lag das Schweineohr exakt zwischen einem geraden Haselstock und einem leicht gebogenen Ast.
Gaius war zufrieden.
Lump ebenfalls.
Denn Lump saß mittlerweile in der Nähe und wartete auf eine Gelegenheit.
Nur Gaius bemerkte ihn.
Deshalb setzte er sich kurzerhand mitten auf sein Schweineohr.
Damit waren am Abend zehn Schweineohren in zehn vollkommen unterschiedlichen Zuständen.
Zwei waren verschwunden – in Lump und Axel.
Eines war streng geheim eingelagert – bei Ajax.
Eines wurde seit Stunden geleckt und sollte anschließend mehrere Tage bewacht werden – bei Bautz.
Eines lag halb angekaut irgendwo in der Erinnerung Balders, während Ares dessen Überreste unter einem weithin sichtbaren Erdhügel versteckt hatte und für sein eigenes ein weiteres „Depot“ gefunden hatte.
Caius hatte seines mehrfach geworfen.
Bossi hatte seines methodisch auf ungefähr ein Drittel seiner ursprünglichen Größe reduziert.
Eddis Schweineohr roch inzwischen nach Teich.
Und Gaius saß auf seinem.
Als die Sonne langsam hinter den Bäumen verschwand, versammelte sich die Dackelbande wieder.
Nur Lump und Axel wirkten etwas unzufrieden.
„Eigentlich“, sagte Lump, „könnten wir doch morgen wieder Schweineohren bekommen.“
„Warum?“, fragte Ajax.
Lump sah zu Bautz.
Dann zu Gaius.
Dann zu dem großen Erdhügel von Ares.
Und schließlich zu Ajax‘ vermeintlich völlig uninteressantem Grasbüschel.
„Weil einige hier offenbar überhaupt nicht wissen, was man damit macht.“
Ajax hob eine Augenbraue.
Balder legte sich ins Gras.
„Doch“, sagte der alte Dackel. „Genau das wissen sie.“
Alle sahen ihn an.
Balder schloss die Augen.
„Ein Schweineohr ist für jeden Dackel etwas anderes. Für Lump ist es eine Mahlzeit. Für Ajax eine Kapitalanlage. Für Bautz ein Familienmitglied. Für Ares ein Schatz. Für Gaius ein Einrichtungsgegenstand. Und für Eddi offenbar Zubehör zur Froschjagd.“
Eddi nickte zufrieden.
„Und für dich?“, fragte Ares.
Balder öffnete noch einmal ein Auge.
„Für mich war es meins.“
Er sah auf den Erdhügel.
„Jetzt ist es deins.“
Und so war wieder eine wichtige Dackelweisheit deutlich geworden:
Besitz bedeutet nicht für jeden dasselbe. Manche verbrauchen ihn, manche bewahren ihn, manche verstecken ihn – und manche warten einfach darauf, dass ein anderer ihn liegen lässt.
Lump sah bei diesem letzten Satz auffällig unschuldig aus.

