Kein Bautz, kein Ares….
Schon am ersten Morgen merkte Balder, dass auf der Verfassungswiese etwas nicht stimmte. Er saß an seinem Lieblingsplatz, schaute einmal nach links, einmal nach rechts und dann noch einmal besonders gründlich nach links. „Da fehlt doch was“, murmelte er. Axel, der gerade eine sehr wichtige Untersuchung eines Grasbüschels durchführte, hob kurz den Kopf. „Zwei sogar.“ Und tatsächlich: Bautz war nicht da. Und Ares auch nicht.
Das war ungewöhnlich. Bautz fehlte vor allem dort, wo normalerweise etwas los war. Niemand saß unter dem Trampolin, niemand untersuchte mit großer Ausdauer, ob irgendwo Wasser stand, in das man wenigstens eine Pfote stellen konnte, und niemand kam plötzlich aus einem Gebüsch geschossen, weil er dort etwas höchst Interessantes entdeckt hatte. Ares fehlte auf eine andere Weise. Seit er fort war, waren verdächtig wenige Dinge verschwunden. Kein Stock wurde heimlich umgelagert, kein Schweineohr unter einem Busch vergraben und kein Gegenstand auf der Verfassungswiese an einen Ort gebracht, an dem ihn garantiert niemand vermutet hätte.
„Es ist zu ordentlich“, stellte Gaius schließlich fest.
„Unheimlich ordentlich“, ergänzte Eddi.
Lump schnupperte an der Stelle, an der Bautz zuletzt gelegen hatte. Dann setzte er sich hin und sah nachdenklich in die Ferne. Caius kontrollierte derweil vorsichtshalber den Teich, Bossi den Zaun und Balder noch einmal die gesamte Wiese. Ajax beobachtete das alles eine Weile. Als Hüter der Verfassung wusste er, dass man eine gewisse Unruhe zunächst einmal laufen lassen musste. Erst wenn aus Unruhe Gerüchte entstanden, war der Zeitpunkt für eine amtliche Erklärung gekommen.
Dieser Zeitpunkt war erreicht, als Axel verkündete: „Vielleicht sind sie ausgewandert.“
„Unsinn“, sagte Balder.
„Vielleicht haben sie eine eigene Wiese gegründet“, überlegte Bossi.
„Noch größerer Unsinn“, sagte Balder.
„Vielleicht suchen sie eine bessere Verfassung“, meinte Eddi.
Jetzt räusperte sich Ajax.
Sofort wurde es still.
Ajax setzte sich aufrecht hin, legte die Vorderpfoten ordentlich nebeneinander und blickte in die Runde. „Bautz und Ares sind verreist.“
Das wussten eigentlich alle. Trotzdem wirkte die Mitteilung aus dem Mund von Ajax beruhigend.
„Und wann kommen sie wieder?“, fragte Lump.
„In einigen Tagen.“
„Sicher?“
„Sicher.“
Damit war die wichtigste Frage geklärt. Aber Ajax war noch nicht fertig. „Ihr benehmt euch“, sagte er, „als sei Verreisen etwas Verdächtiges.“
„Man ist dann eben nicht hier“, wandte Gaius ein.
„Genau das“, sagte Ajax, „ist der Sinn der Sache.“
Die anderen sahen ihn an.
Ajax erklärte, dass eine Wiese, auf der man jeden Baum, jeden Busch, jedes Mauseloch und sogar die Stelle kenne, an der Balder regelmäßig sein angebissenes Schweineohr liegen lasse, zweifellos eine ausgezeichnete Wiese sei. Aber gerade deshalb sei es manchmal gut, sie für eine Weile zu verlassen. Wer immer nur dieselben Wege laufe, sehe irgendwann vor allem das, was er ohnehin schon kenne.
„Und wenn man verreist?“, fragte Caius.
„Dann riecht die Welt anders“, sagte Ajax. „Man trifft andere Hunde, sieht andere Bäume, läuft über unbekannte Wege und entdeckt Dinge, von denen man vorher gar nicht wusste, dass man sie entdecken könnte.“
Lump dachte darüber nach. „Vielleicht gibt es anderswo bessere Bürsten.“
„Möglich“, sagte Ajax.
„Größere Stöcke?“, fragte Gaius.
„Sehr wahrscheinlich.“
Eddi wurde aufmerksam. „Andere Frösche?“
„Mit Sicherheit.“
Axel fragte: „Andere Schweineohren?“
Ajax zögerte. „Das halte ich zumindest nicht für ausgeschlossen.“
Damit war das Verreisen in den Augen der Dackelbande plötzlich erheblich interessanter geworden.
Nur Balder blieb skeptisch. „Aber wenn es anderswo so interessant ist – warum kommt man dann überhaupt zurück?“
Ajax lächelte. Auf diese Frage hatte er gewartet.
„Weil das Beste am Verreisen nicht darin besteht, dass man weg ist. Das Beste ist, dass man wiederkommt.“
Balder legte den Kopf schief.
„Wenn Bautz und Ares zurückkommen“, fuhr Ajax fort, „bringen sie etwas mit. Vielleicht keinen Stock und kein Schweineohr. Aber neue Gerüche im Kopf, neue Geschichten und neue Gedanken. Vielleicht hat Bautz irgendwo eine völlig neue Methode entdeckt, im Schatten zu liegen. Vielleicht kennt Ares danach eine Verstecktechnik, gegen die seine bisherigen Erdhügel geradezu dilettantisch wirken.“
„Das wäre allerdings bedenklich“, murmelte Bossi.
„Fortschritt ist nicht immer bequem“, erklärte Ajax.
Nun mussten alle lachen.
Von diesem Augenblick an erschien die Abwesenheit der beiden nicht mehr ganz so merkwürdig. Natürlich blieb unter dem Trampolin ein Platz frei. Natürlich fehlte Ares, wenn irgendwo etwas herumlag, das dringend hätte versteckt werden müssen. Und wenn die Dackelbande am Abend gemeinsam über die Verfassungswiese zog, sahen einige immer wieder zum Eingang hinüber.
Aber jetzt wussten sie: Die zwei leeren Plätze waren keine richtigen Lücken. Sie waren eher Platzhalter für zwei Dackel, die gerade unterwegs waren und irgendwann wieder über die Wiese gerannt kommen würden – voller fremder Gerüche, neuer Erfahrungen und vermutlich mit einer beträchtlichen Zahl von Ideen, auf die hier bislang niemand gekommen war.
Am dritten Abend setzte sich Lump neben Ajax. „Meinst du, sie denken unterwegs auch an uns?“
Ajax sah über die Wiese.
„Natürlich“, sagte er. „Wer gern nach Hause zurückkommt, trägt sein Zuhause sowieso die ganze Zeit mit sich herum.“
Lump fand diesen Gedanken ausgesprochen beruhigend und legte sich ins Gras.
Balder nickte langsam. Gaius brachte vorsorglich zwei besonders schöne Stöcke zum Eingang. Eddi beschloss, Bautz und Ares nach ihrer Rückkehr persönlich über sämtliche zwischenzeitlichen Entwicklungen am Teich zu informieren. Und Axel erklärte sich bereit, zur Begrüßung Schweineohren bereitzuhalten, allerdings unter der Bedingung, dass er mit deren Bewachung nicht zu früh beginnen müsse.
Nur Ajax blieb noch einen Moment sitzen und betrachtete zufrieden seine Dackelbande.
Denn manchmal, dachte er, muss man eine vertraute Wiese verlassen, um zu merken, wie schön sie ist. Und manchmal muss man etwas Neues sehen, damit man das Alte mit neuen Augen betrachten kann.
Und dass Bautz und Ares zurückkommen würden, daran zweifelte ohnehin niemand mehr.
Schließlich wartete die Verfassungswiese auf sie. Und eine Verfassungswiese, das wusste Ajax ganz genau, lässt man vielleicht für ein paar Tage allein – aber niemals für immer.

