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Die Dackelbande und die große Fellfrage

Die Dackelbande und die große Fellfrage

Auf der Verfassungswiese herrschte  eine ungewöhnlich ernste Stimmung. Nicht etwa, weil Ajax eine staatsrechtliche Grundsatzfrage aufgeworfen hatte oder weil Bautz wieder irgendwo etwas gefunden hatte, dessen Eigentumsverhältnisse zunächst zu klären waren. Nein. Diesmal ging es um etwas, das jeden Dackel unmittelbar betraf.

Es ging ums Fell.

Genauer gesagt um die Frage: Schneiden oder trimmen?

„Trimmen!“, erklärte Balder mit der Selbstverständlichkeit eines alten Dackels, der in seinem Leben schon so viele Sommer, Winter und Hundebürsten gesehen hatte, dass er sich für einen ausgewiesenen Sachverständigen auf diesem Gebiet hielt. „Ein ordentliches Rauhaarfell wird getrimmt. Das alte Haar muss heraus, damit neues nachkommen kann.“

Axel betrachtete nachdenklich seinen Rücken. Dort standen einige längere Haare ein wenig vorwitzig in alle Richtungen. „Aber warum kann man die nicht einfach abschneiden? Dann sind sie doch auch weg.“

Ajax hob langsam den Kopf.

Das war genau die Art von Frage, bei der alle anderen wussten, dass nun ein Vortrag drohte.

„Weil“, begann Ajax, „Abschneiden und Entfernen nicht dasselbe sind. Beim Trimmen wird abgestorbenes Deckhaar herausgenommen. Beim Schneiden bleibt der untere Teil des Haares stehen.“

„Also eine Art halbe Lösung“, stellte Bossi fest.

„Exakt“, sagte Ajax zufrieden.

Caius sah sich eines seiner langen Rückenhaare genauer an. Bei ihm war sehr schön zu erkennen, dass das Haar an der Spitze dunkel war, zur Wurzel hin aber immer heller wurde. „Dann erklärt das auch, warum wir nach dem Schneiden manchmal plötzlich heller aussehen.“

Ajax nickte. „Bei vielen von uns besteht das einzelne Haar eben nicht durchgehend aus derselben Farbe. Die dunkle Spitze verschwindet beim Schneiden, und sichtbar bleibt der hellere Teil.“

Alle sahen zu Lump.

Lump lag mitten im Gras, die Vorderpfoten elegant übereinandergeschlagen, und sah aus, als ginge ihn die gesamte Diskussion nichts an.

Was allerdings daran lag, dass Lump ein Sonderfall war.

Sein Fell war außergewöhnlich fein, dicht und weich. Und vor allem war sein Haar schwarz. Nicht nur an der Spitze. Nicht nur auf halber Länge. Sondern schwarz bis hinunter zur Haarwurzel.

Bautz steckte seine Nase tief in Lumps Fell.

„Du bist unten auch schwarz.“

Lump öffnete ein Auge.

„Das war mir bekannt.“

Bautz steckte die Nase noch etwas tiefer hinein.

„Sehr schwarz sogar.“

„Bautz“, sagte Lump ruhig, „ich bin ein Dackel und keine geologische Bodenprobe.“

Ares lachte.

„Lump ist sowieso kein vernünftiger Vergleich“, meinte er. „Der hat eher einen Pelz als ein Fell.“

Das stimmte ein wenig. Während bei einigen anderen Dackeln einzelne längere und kräftigere Deckhaare deutlich zu erkennen waren, hatte Lump ein derart dichtes, feines Haarkleid, dass eine Bürste darin beinahe verschwinden konnte.

Und genau das brachte die Diskussion zum zweiten großen Thema des Tages.

Bürsten.

„Herrlich“, sagte Lump sofort.

Alle sahen ihn an.

„Was?“

„Bürsten“, sagte Lump. „Herrlich.“

Das war tatsächlich bekannt. Lump gehörte zu den wenigen Dackeln, die bereits beim Anblick einer Bürste freudig herankamen. Wurde er gebürstet, legte er sich zunächst auf die eine Seite, dann auf die andere, anschließend auf den Rücken und machte durch kleine Bewegungen sehr deutlich, an welcher Stelle seiner Meinung nach noch nicht ausreichend gearbeitet worden war.

„Du würdest dich drei Stunden bürsten lassen“, sagte Eddi.

„Vier“, korrigierte Lump.

„Fünf“, vermutete Gaius.

Lump überlegte kurz.

„Wenn zwischendurch ein Knochen gereicht wird, sehe ich keine zeitliche Begrenzung.“

Gaius dagegen betrachtete Bürsten eher als notwendiges Übel. Einmal kurz über den Rücken – gut. Hinter den Ohren – meinetwegen. Aber sobald jemand länger an einer Stelle arbeitete, erhob er sich demonstrativ und erinnerte sich plötzlich an einen Stock, den er unbedingt noch suchen musste.

Eddi hielt es ähnlich. Stillstehen gehörte ohnehin nicht zu seinen bevorzugten Tätigkeiten. Schließlich konnte während einer Fellpflege am Teich ein Frosch unbemerkt ins Wasser springen. Das war aus Eddis Sicht ein organisatorisch völlig unvertretbares Risiko.

Bossi akzeptierte Bürsten, solange es mit Würde geschah.

„Nicht gegen den Strich“, erklärte er streng. „Und bitte keine hektischen Bewegungen.“

„Du klingst wie ein Kunde beim Friseur“, sagte Axel.

Bossi sah ihn an.

„Ein Kunde beim Friseur bezahlt. Ich dulde.“

Ares mochte Bürsten durchaus – allerdings nur am Rücken. Sobald die Bürste Richtung Bauch wanderte, wurde die Angelegenheit aus seiner Sicht grundrechtlich bedenklich.

Bautz wiederum war anfangs begeistert. Er biss in die Bürste, zog daran, lief damit davon und war anschließend vollkommen überrascht, dass niemand mehr in der Lage war, ihn zu bürsten.

„Ich helfe doch nur“, erklärte er.

„Du entwendest das Arbeitsgerät“, stellte Ajax fest.

„Vorübergehend.“

„Ohne Zustimmung.“

„Ich wollte es prüfen.“

„Bautz“, sagte Ajax, „du bist kein Bürstenprüfer.“

Balder stand währenddessen ruhig da. Der alte Dackel wusste längst, dass Widerstand gegen Fellpflege meistens nur dazu führte, dass die ganze Sache länger dauerte. Also ließ er sich bürsten, schaute dabei ein wenig gelangweilt in die Ferne und vermittelte allen jüngeren Dackeln den Eindruck, als habe er wichtigere Dinge zu bedenken.

Bei ihm musste man ohnehin vorsichtig sein. Sein älteres Fell war an manchen Stellen feiner geworden, und rund um seine Augen lagen die typischen hellen Haarringe, die ihm inzwischen das würdevolle Gesicht eines sehr erfahrenen Professors verliehen.

„Bei alten Dackeln“, sagte Balder, „ist weniger manchmal mehr.“

Ajax nickte anerkennend.

„Das gilt übrigens nicht nur für alte Dackel.“

Nun war die entscheidende Frage aber noch immer nicht geklärt.

Sollte man einen Rauhaardackel nun schneiden oder trimmen?

Ajax setzte sich aufrecht hin.

„Es kommt auf das Fell an.“

Allgemeines Gemurmel.

Das war natürlich die denkbar unbefriedigendste Antwort.

„Typisches kräftiges Rauhaar mit abgestorbenem Deckhaar“, erklärte Ajax weiter, „profitiert davon, wenn dieses alte Haar fachgerecht getrimmt wird. Dadurch bleibt die typische Struktur des Fells erhalten. Wenn man solches Haar immer nur abschneidet, kann das Fell weicher und heller wirken.“

Caius nickte und betrachtete wieder eines seiner langen Haare.

„Weil unten die helle Stelle bleibt.“

„Genau.“

„Und Lump?“, fragte Ares.

Nun sahen wieder alle Lump an.

Lump hatte inzwischen die Augen geschlossen.

„Lump“, sagte Ajax, „ist Lump.“

Lump öffnete ein Auge.

„Das ist bislang die klügste Aussage dieser Diskussion.“

„Bei einem derart feinen, dichten und bis zur Wurzel dunklen Fell“, fuhr Ajax fort, „muss man genauer hinsehen, was überhaupt abgestorbenes trimmbares Deckhaar ist und was zur besonderen Fellstruktur gehört. Nicht jedes Dackelfell ist gleich.“

„Also gibt es keine Fellrichtlinie, die für alle gilt?“, fragte Axel.

Ajax überlegte.

Das war eine schwierige Situation für den Hüter der Verfassung.

„Es gibt Grundsätze“, sagte er schließlich. „Aber eine vernünftige Fellpflege berücksichtigt den Einzelfall.“

Bossi nickte beeindruckt.

„Verhältnismäßigkeitsprinzip.“

„Exakt.“

Bautz sah ratlos zwischen beiden hin und her.

Lump hatte inzwischen beschlossen, dass genug theoretisiert worden war. Er stand auf, lief zu der Bank, neben der Bürste und Kamm lagen, und stupste die Bürste mit der Nase an.

Dann sah er erwartungsvoll zu den anderen.

„Was ist?“, fragte Gaius.

Lump stupste die Bürste noch einmal an.

„Ach so.“

Zwei Minuten später lag Lump lang ausgestreckt im Gras. Die Augen geschlossen. Eine Pfote leicht angewinkelt. Während ihm langsam der Rücken gebürstet wurde, gab er ein tiefes, zufriedenes Brummen von sich.

Bautz setzte sich daneben.

„Lump?“

„Mmmh.“

„Was ist denn nun besser? Trimmen oder schneiden?“

Lump öffnete nicht einmal die Augen.

„Bürsten.“

„Das war nicht die Frage.“

„Für mich schon.“

Ajax blickte über die versammelte Dackelbande. Balder mit seinem altersweisen Fell, Caius mit seinen langen, zur Wurzel heller werdenden Haaren, Bossi mit seinem ausgeprägten Sinn für eine würdige Behandlung, Eddi, der schon wieder Richtung Teich schielte, Gaius, der dringend zu seinen Stöcken wollte, Ares, der seinen Bauch vorsorglich außer Reichweite jeder Bürste gebracht hatte, Axel, der noch immer über die unterschiedlichen Haarfarben nachdachte, Bautz, der inzwischen versuchte, den Kamm fortzutragen – und Lump, der sich gerade auf die andere Seite drehte, damit dort ebenfalls gründlich weitergebürstet werden konnte.

„Vielleicht“, sagte Ajax schließlich, „ist das die eigentliche Dackelweisheit des Tages: Ein gutes Fell erkennt man nicht daran, dass es nach einer bestimmten Vorschrift behandelt wird. Man muss erst einmal genau hinsehen, welches Fell vor einem liegt.“

Balder nickte.

„Und dann das Richtige tun.“

„Genau.“

Lump öffnete kurz die Augen.

„Und niemals zu früh mit dem Bürsten aufhören.“

Damit war die große Fellfrage auf der Verfassungswiese zwar nicht endgültig entschieden.

Aber darin waren sich ausnahmsweise alle einig:

 

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