Die fünf deutschen Missverständnisse über Israel
Deutschland und Israel verbindet eine einzigartige historische Beziehung. Doch gerade diese Verbindung scheint zunehmend von unterschiedlichen Wahrnehmungen geprägt zu sein. Was in Deutschland als Friedenspolitik, humanitäre Verantwortung und Konsequenz aus der nationalsozialistischen Vergangenheit verstanden wird, erscheint aus israelischer Perspektive häufig als mangelndes Verständnis für die existenziellen Sicherheitsinteressen des jüdischen Staates.
Gabor Steingart beschreibt in seinem Morning Briefing vom 29. Oktober 2026 fünf grundlegende deutsche Missverständnisse über Israel.
Seine Analyse berührt einen zentralen Konflikt deutscher Außenpolitik: Wie lässt sich die historische Verantwortung für die Sicherheit Israels mit den Anforderungen des Völkerrechts und dem Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser verbinden?
1. Das erste Missverständnis: Ein Regierungswechsel in Israel bedeutet einen grundlegenden Kurswechsel
Steingart kritisiert die deutsche Vorstellung, Israel sei in der Palästinenserfrage in zwei grundsätzlich unterschiedliche politische Lager gespalten. Seine zugespitzte Formulierung lautet:
„Dabei gibt es nur das eine.“
Gemeint ist ein weitreichender sicherheitspolitischer Grundkonsens: Die Bedrohung durch die Hamas, den Iran und andere bewaffnete Organisationen wird nicht nur im politischen Lager Benjamin Netanjahus als existenzielle Gefahr verstanden.
Dafür sprechen empirische Befunde. Nach einer Erhebung des Israel Democracy Institute vom September 2025 befürworteten 66 Prozent der israelischen Bevölkerung ein Ende des Gazakrieges. Unter den jüdischen Befragten, die ein Kriegsende verlangten, nannten allerdings lediglich zwei Prozent den Schutz der Zivilbevölkerung in Gaza als wichtigsten Grund. Entscheidend war für viele die Gefährdung der israelischen Geiseln.
Diese Zahlen verdeutlichen eine erhebliche Verschiebung der politischen Prioritäten seit dem Terrorangriff vom 7. Oktober 2023.
Allerdings darf daraus nicht geschlossen werden, dass Israel politisch homogen wäre. Die Unterschiede zwischen Regierung und Opposition bleiben erheblich. Der Peace Index der Universität Tel Aviv vom Juli 2026 dokumentiert bei der Unterstützung einer Zwei-Staaten-Lösung deutliche Unterschiede zwischen den politischen Lagern.
Die entscheidende Erkenntnis: Die deutsche Öffentlichkeit sollte israelische Opposition nicht automatisch mit einer friedenspolitischen Position gleichsetzen, die den eigenen Vorstellungen entspricht. Ebenso wenig darf sie die gesellschaftlichen Unterschiede innerhalb Israels übersehen.
2. Das zweite Missverständnis: Die Zwei-Staaten-Lösung ist auch in Israel eine mehrheitsfähige Perspektive
Die Bundesregierung und große Teile der europäischen Politik betrachten die Zwei-Staaten-Lösung weiterhin als Grundlage einer dauerhaften Friedensordnung.
Steingart verweist dagegen auf die geringe israelische Zustimmung zu einem unabhängigen palästinensischen Staat. Er spricht von:
„nur gut ein Viertel“
Tatsächlich zeigen die israelischen Umfragen eine erhebliche Distanz zwischen dem deutschen außenpolitischen Leitbild und der gegenwärtigen israelischen Mehrheitsmeinung.
Im Juli 2026 unterstützten 24 Prozent der befragten jüdischen Israelis eine Zwei-Staaten-Lösung. Unter den arabischen Israelis waren es dagegen 71 Prozent. Die Unterschiede zwischen den Bevölkerungsgruppen sind somit beträchtlich.
Die geringe Zustimmung erklärt sich unter anderem aus den Erfahrungen mit dem Terrorismus, dem Scheitern früherer Friedensinitiativen und dem Zweifel an einer dauerhaft verlässlichen palästinensischen Staatsführung. Daraus folgt allerdings nicht, dass die Zwei-Staaten-Lösung völkerrechtlich oder politisch gegenstandslos geworden wäre.
Das Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser besteht unabhängig davon, ob eine Mehrheit der israelischen Bevölkerung einen palästinensischen Staat befürwortet. Umgekehrt kann eine Friedensordnung, die israelische Sicherheitsinteressen ignoriert, kaum dauerhaft tragfähig sein.
Das deutsche Missverständnis liegt daher weniger im politischen Ziel selbst als in der Annahme, dieses Ziel lasse sich ohne grundlegende Veränderungen der regionalen Sicherheitslage verwirklichen.
3. Das dritte Missverständnis: Frieden und militärische Stärke schließen sich gegenseitig aus
Steingart stellt einen fundamentalen historischen Unterschied heraus. Während in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg pazifistische Überzeugungen erhebliches Gewicht gewannen, entwickelte Israel die militärische Selbstbehauptung zu einem zentralen Element seines Staatsverständnisses.
Steingart spricht von der:
„eigenen Wehrhaftigkeit“
Für Israel ist die Fähigkeit zur militärischen Verteidigung nicht lediglich ein außenpolitisches Instrument, sondern eine Konsequenz aus der Geschichte jüdischer Verfolgung.
Der Staat wurde 1948 unter Bedingungen unmittelbarer militärischer Bedrohung gegründet. Seine Bevölkerung erlebte seitdem wiederholt Kriege, Terroranschläge und Angriffe auf zivile Einrichtungen.
Die israelische Sicherheitsdoktrin ist deshalb wesentlich von Abschreckung, militärischer Handlungsfähigkeit und der Vermeidung existenzieller Abhängigkeiten geprägt.
Das unterscheidet Israel von der deutschen Nachkriegserfahrung. Die Bundesrepublik konnte ihre Sicherheit jahrzehntelang wesentlich auf die NATO und insbesondere auf die Vereinigten Staaten stützen. Israel entwickelte dagegen die Vorstellung, seine Existenz im äußersten Fall eigenständig verteidigen zu müssen.
Hier liegt ein wesentlicher Unterschied der politischen Sicherheitskulturen.
Allerdings kennt auch das Recht militärischer Selbstverteidigung Grenzen. Militärische Notwendigkeit hebt insbesondere die Regeln des humanitären Völkerrechts nicht auf. Die Unterscheidung zwischen militärischen Zielen und Zivilpersonen, das Verhältnismäßigkeitsgebot und die Pflicht zu Vorsichtsmaßnahmen bleiben verbindlich.
Die deutsche Debatte muss deshalb zwei Gesichtspunkte auseinanderhalten: Israels Anspruch auf wirksame Sicherheit und die rechtliche Zulässigkeit konkreter militärischer Maßnahmen.
4. Das vierte Missverständnis: Der Konflikt mit dem Iran lässt sich vor allem durch diplomatische Verständigung lösen
Steingart beschreibt die israelische Perspektive auf den Iran als grundlegend anders als die in Deutschland verbreitete Konzentration auf Deeskalation und diplomatische Vereinbarungen.
Für Israel steht nach seiner Darstellung im Vordergrund, eine militärische Auseinandersetzung:
„möglichst gewonnen“
zu beenden.
Eine Erhebung des Jewish People Policy Institute vom März 2026 verdeutlicht den Hintergrund. Danach hielten 85 Prozent der jüdischen Israelis die Entscheidung zum militärischen Angriff auf den Iran für richtig. In der israelischen Gesamtbevölkerung waren es 72 Prozent. Das sind erhebliche Zustimmungswerte. Sie zeigen, dass die Bedrohungswahrnehmung keineswegs auf die Anhänger Netanjahus beschränkt bleibt. Der Konflikt wird aus israelischer Sicht durch das iranische Raketenpotenzial, das Atomprogramm und die Unterstützung bewaffneter Organisationen geprägt.
Deutschland und andere europäische Staaten gewichten dagegen regelmäßig die Risiken regionaler Eskalation, diplomatische Konfliktlösung und wirtschaftliche Auswirkungen mit. Beide Perspektiven folgen unterschiedlichen sicherheitspolitischen Erfahrungen und Interessen.
Völkerrechtlich ist jedoch zwischen der politischen Bewertung einer Bedrohung und der Rechtmäßigkeit militärischer Gewalt zu unterscheiden. Ob ein konkreter Angriff zulässig ist, richtet sich insbesondere nach dem Gewaltverbot der UN-Charta, den Voraussetzungen des Selbstverteidigungsrechts und den Regeln für die Durchführung militärischer Operationen.
Die breite gesellschaftliche Zustimmung zu einem Krieg ersetzt keine rechtliche Rechtfertigung.
5. Das fünfte Missverständnis: Deutschland hat die Konsequenzen aus dem Holocaust bereits vollständig gezogen
Die politisch und moralisch weitreichendste These betrifft die deutsche Erinnerungskultur. Steingart formuliert den von ihm kritisierten deutschen Selbstanspruch mit den Worten:
„Deutschland hat die richtigen Lehren aus dem Holocaust gezogen“
Er stellt diesem Selbstverständnis die Kritik gegenüber, dass die Erinnerung an die ermordeten Juden nicht immer mit einem hinreichend entschlossenen Schutz jüdischen Lebens in der Gegenwart verbunden werde. Diese Frage verdient besondere Aufmerksamkeit.
Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) dokumentierte für das Jahr 2025 insgesamt 8.725 antisemitische Vorfälle in Deutschland. Darunter befanden sich 178 Angriffe und 257 Bedrohungen. Bei 1.744 Versammlungen wurden antisemitische Vorkommnisse registriert.
Diese Zahlen belegen, dass Antisemitismus keineswegs ein ausschließlich historisches Problem ist.
Jüdische Schulen, Synagogen und andere Einrichtungen sind weiterhin auf erhebliche Sicherheitsvorkehrungen angewiesen. Die Freiheit jüdischen Lebens bleibt damit eine konkrete Aufgabe des demokratischen Rechtsstaates. Gleichzeitig ist eine wichtige Unterscheidung erforderlich: Die Verantwortung Deutschlands für jüdisches Leben und das Existenzrecht Israels bedeutet nicht, dass jede Entscheidung einer israelischen Regierung politisch oder rechtlich unterstützt werden müsste.
Auch die Arbeitsdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance unterscheidet zwischen antisemitischen Erscheinungsformen und einer sachlichen Kritik an israelischer Politik, wie sie gegenüber anderen Staaten zulässig ist.
Die historische Verantwortung Deutschlands verlangt somit beides: einen konsequenten Schutz jüdischen Lebens und eine an universellen Rechtsmaßstäben orientierte Außenpolitik.
Der grundlegende Konflikt: Unterschiedliche historische Erfahrungen prägen die Gegenwart
Die fünf Thesen Steingarts führen zu einer übergeordneten Erkenntnis. Deutschland und Israel betrachten ihre gemeinsame Geschichte aus unterschiedlichen gesellschaftlichen und staatspolitischen Erfahrungen.
Für Deutschland steht die Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen und die daraus entwickelte Verpflichtung zu Menschenrechten, Demokratie und internationaler Friedensordnung im Mittelpunkt.
Für Israel gehört zu den zentralen historischen Konsequenzen die Notwendigkeit, jüdisches Leben durch einen souveränen und verteidigungsfähigen Staat dauerhaft zu schützen.
Diese Perspektiven sind nicht zwangsläufig unvereinbar. Sie führen jedoch zu unterschiedlichen Prioritäten, insbesondere dann, wenn eine konkrete militärische Bedrohung beurteilt wird. Die deutsche Debatte läuft Gefahr, israelische Entscheidungen ausschließlich aus den eigenen historischen Maßstäben zu interpretieren. Umgekehrt wäre es verkürzt, aus der israelischen Sicherheitswahrnehmung abzuleiten, dass humanitäre Bedenken, Kritik an der Besatzungspolitik oder Forderungen nach palästinensischer Selbstbestimmung nachrangig wären.
Historische Verantwortung braucht politische Urteilskraft
Steingarts Beitrag macht deutlich, dass die deutsche Israeldebatte nicht allein aus moralischen Bekenntnissen bestehen kann. Wer israelische Politik verstehen will, muss die Sicherheitsgeschichte des Landes, die gesellschaftlichen Folgen des 7. Oktober 2023 und die spezifischen politischen Konfliktlinien berücksichtigen.
Gleichzeitig darf Verständnis nicht mit uneingeschränkter Zustimmung verwechselt werden.
Eine differenzierte deutsche Nahostpolitik muss das Existenzrecht und die Sicherheit Israels, das Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser, den Schutz der Zivilbevölkerung und die Verbindlichkeit des Völkerrechts gemeinsam berücksichtigen.
Die entscheidende Lehre aus Steingarts Analyse lautet deshalb: Deutsche Verantwortung gegenüber Israel beginnt mit dem Verständnis seiner Geschichte und seiner Sicherheitsinteressen. Sie bewährt sich aber erst dort, wo dieses Verständnis mit rechtsstaatlicher Konsequenz, politischer Differenzierung und dem Schutz universeller Menschenrechte verbunden wird.
