Mileis Reformkurs in Argentinien
Warum der IWF Fortschritte anerkennt – und was der Wohnungsmarkt tatsächlich zeigt
Javier Milei regiert mit einer erheblich gestärkten parlamentarischen Basis, besitzt aber weiterhin keine eigene Mehrheit in beiden Kammern des argentinischen Kongresses. Seine Fraktion La Libertad Avanza verfügt im Abgeordnetenhaus über 95 von 257 Sitzen. Für die absolute Mehrheit wären 129 Sitze erforderlich. Im Senat weisen aktuelle Fraktionsübersichten 20 aktive Mitglieder aus; andere parlamentarische Datenauswertungen rechnen der Fraktion 21 Mandate zu. Beide Angaben liegen deutlich unter der absoluten Mehrheit von 37 der insgesamt 72 Sitze. Die Abweichung betrifft die Mandats- beziehungsweise Mitgliedschaftserfassung und ändert den politischen Befund nicht: Milei benötigt die Zustimmung anderer Parteien.
Seine Reformpolitik beruht deshalb auf wechselnden Mehrheiten mit konservativen, radikalen und regionalen Kräften. Das ist demokratisch und ökonomisch bedeutsam: Ein Wahlerfolg verleiht politischen Rückhalt, ersetzt aber keine parlamentarische Gesetzgebungsmehrheit. Zugleich zeigen die Verabschiedung des Haushalts 2026 und weiterer Reformgesetze, dass die Regierung inzwischen mehrheitsfähige Vereinbarungen zustande bringt. Der IWF bewertet diese verbesserte gesetzgeberische Handlungsfähigkeit ausdrücklich als Voraussetzung für die Fortsetzung des Reformprogramms.
Das Lob des Internationalen Währungsfonds hat einen konkreten wirtschaftlichen Kern: Argentinien hat bei der fiskalischen Stabilisierung, der Inflationsbekämpfung und zuletzt beim Aufbau seiner außenwirtschaftlichen Absicherung Fortschritte erzielt. Daraus folgt allerdings noch kein gesicherter, breit verteilter Wohlstandsgewinn.
Am 27. Oktober 2026 verständigten sich die argentinischen Behörden und die IWF-Mitarbeiter auf die dritte Überprüfung des laufenden Kreditprogramms. Die Vereinbarung eröffnet eine weitere Auszahlung von ungefähr 900 Millionen US-Dollar. Präzise zu unterscheiden ist zwischen dieser Einigung auf Mitarbeiterebene und der endgültigen Entscheidung des IWF-Exekutivdirektoriums, die noch aussteht. Das zugrunde liegende, im April 2025 vereinbarte Programm umfasst 20 Milliarden US-Dollar.
Der IWF würdigt dabei die fortgesetzte Disinflation und die Stärkung der außenwirtschaftlichen Position. Nach der veröffentlichten Wiedergabe seiner Mitteilung übertrafen die Nettowährungsreserven das für Ende Juni vereinbarte Ziel um rund vier Milliarden US-Dollar; die Zentralbank hatte im bisherigen Jahresverlauf annähernd 16 Milliarden US-Dollar am Devisenmarkt gekauft. Diese Größen dürfen nicht gleichgesetzt werden: Devisenkäufe sind eine Stromgröße, Nettowährungsreserven eine um relevante Verpflichtungen bereinigte Bestandsgröße. Neue Kredite können die Liquidität erhöhen, ohne das Nettovermögen entsprechend zu verbessern.
Die wirtschaftliche Logik der Stabilisierung
Mileis Ansatz setzt an einem zentralen Mechanismus früherer argentinischer Krisen an: Wiederkehrende Haushaltsdefizite, monetäre Finanzierung und mangelndes Vertrauen in den Peso verstärkten einander. Wer einen anhaltenden Kaufkraftverlust erwartet, hält weniger heimisches Geld und weicht auf Dollar oder Sachwerte aus. Dadurch wird die Stabilisierung zusätzlich erschwert.
Eine glaubwürdige Haushaltskorrektur kann diesen Kreislauf unterbrechen. Sinkt der staatliche Finanzierungsbedarf, vermindert sich der Druck zur Geldschöpfung. Stabilere Erwartungen können wiederum die Nachfrage nach Peso erhöhen und die Finanzierungskosten senken. Der IWF bezeichnet die Geschwindigkeit und Größenordnung der argentinischen Konsolidierung im internationalen Vergleich als außergewöhnlich.
Ökonomisch ist jedoch die Zusammensetzung der Konsolidierung entscheidend. Der Abbau ineffizienter Subventionen kann Ressourcen freisetzen und falsche Preissignale korrigieren. Kürzungen bei Infrastruktur, Bildung oder funktionsfähiger Verwaltung können dagegen das künftige Produktionspotenzial beeinträchtigen. Ein kurzfristiger Kassenüberschuss ist deshalb noch kein hinreichender Nachweis langfristig tragfähiger Staatsfinanzen.
Der IWF verbindet sein Lob folgerichtig mit Forderungen nach effizienteren und gerechteren Steuer- und Rentensystemen, belastbareren Haushaltsregeln sowie dem Schutz prioritärer Sozialausgaben. Er erkennt zugleich weiterhin erhebliche Programmrisiken.
Inflation, Wachstum und Armut: Fortschritte mit unterschiedlichen Zeithorizonten
Die amtliche monatliche Inflationsrate betrug im September 2026 1,9 Prozent. Das ist eine erhebliche Stabilisierung gegenüber einer Wirtschaft mit dreistelligen jährlichen Preissteigerungen. Preisstabilität ist damit aber noch nicht erreicht: Rein rechnerisch entsprächen zwölf aufeinanderfolgende Monatsraten von 1,9 Prozent einer jährlichen Teuerung von rund 25,3 Prozent. Diese Rechnung ist keine Prognose, sondern verdeutlicht die verbleibende Größenordnung. indec.gob.ar
Dabei bedeutet sinkende Inflation zunächst, dass die Preise langsamer steigen. Bereits eingetretene Kaufkraftverluste werden dadurch nicht automatisch ausgeglichen. Für die Lebensverhältnisse kommt es auf die Entwicklung der verfügbaren Einkommen nach Steuern, Transfers und notwendigen Ausgaben an.
Auch der Wachstumspfad verläuft nicht gleichmäßig. Nach dem Rückgang 2024 wuchs das reale Bruttoinlandsprodukt 2025 nach dem IWF-Bericht um 4,4 Prozent. Ein Teil eines solchen Anstiegs ist als Erholung nach der vorausgegangenen Rezession zu verstehen; erst anhaltende Produktivitäts- und Investitionszuwächse würden einen dauerhaft höheren Wachstumspfad belegen.
Neuere Einzelindikatoren mahnen zur Differenzierung. Für Juli 2026 meldete INDEC beim monatlichen Wirtschaftsaktivitätsindikator einen Rückgang um 1,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr und saisonbereinigt um 2,9 Prozent gegenüber dem Vormonat. Die realen Supermarktumsätze lagen von Januar bis Juli 2,7 Prozent unter dem Vorjahreszeitraum. Diese Daten sprechen gegen die Annahme, die Stabilisierung habe bereits sämtliche Bereiche der Binnenwirtschaft erfasst.
Die amtliche Armutsquote lag im ersten Halbjahr 2026 bei 32,3 Prozent der Bevölkerung in den 31 erfassten städtischen Ballungsräumen; 7,5 Prozent lebten unterhalb der Schwelle extremer Armut. Die räumliche Abgrenzung ist zu beachten: Es handelt sich nicht um eine vollständige Erhebung sämtlicher Einwohner Argentiniens. Die Zahlen zeigen jedenfalls, dass makroökonomische Stabilisierung und erhebliche soziale Bedürftigkeit gleichzeitig bestehen können.
Der Wohnungsmarkt als Prüfstein der Deregulierung
Besonders anschaulich werden die Wirkungen und Grenzen der Reformpolitik am Mietwohnungsmarkt. Das Dekret DNU 70/2023 erweiterte die Vertragsfreiheit erheblich. Mietpreise können in heimischer oder ausländischer Währung vereinbart werden; auch Anpassungsmechanismen und Indizes können die Vertragsparteien weitgehend selbst bestimmen.
Der ökonomische Mechanismus ist nachvollziehbar: Wenn Vermieter bei hoher Inflation über längere Zeit keine ausreichende Anpassung der Miete vornehmen können, steigt das Risiko realer Einnahmeverluste. Sie können Wohnungen zurückhalten, verkaufen oder anderen Nutzungen zuführen. Flexiblere Verträge vermindern dieses Risiko und können bislang zurückgehaltene Wohnungen wieder in den regulären Mietmarkt bringen.
Tatsächlich ist das veröffentlichte Angebot deutlich gestiegen. Nach dem von der argentinischen Immobilienkammer wiedergegebenen Bericht von Mercado Libre und der Universidad de San Andrés lag das Angebot an Mietwohnungen im Großraum Buenos Aires im September 2026 326,2 Prozent über November 2023. Das entspricht ungefähr dem 4,26-Fachen des Ausgangswertes.
Dieser Befund ist ein starkes Indiz für die Mobilisierung vorhandenen Wohnraums. Er bedeutet jedoch weder einen entsprechenden Zuwachs des Gebäudebestands noch eine Vervierfachung der abgeschlossenen Mietverträge. Gemessen werden Plattformangebote. Zudem beginnt der Vergleich in einer Phase besonders knappen Angebots.
Auch eine eindeutige kausale Zurechnung allein zum Dekret wäre wissenschaftlich zu weitgehend. Zeitgleich veränderten sich Inflationserwartungen, Einkommen, Wechselkursbedingungen und die Attraktivität alternativer Nutzungen. Die beobachtete Entwicklung entspricht dem erwarteten Angebotsmechanismus; ihr ausschließlich durch die Reform verursachter Anteil ist damit noch nicht bestimmt.
Was die Mietpreise aussagen
Für die autonome Stadt Buenos Aires, also CABA, berichtete Zonaprop für September 2026 folgende Angebotsmieten:
| Kennzahl | Wert |
|---|---|
| Monatlicher Anstieg | 1,3 % |
| Anstieg seit Jahresbeginn | 20,8 % |
| Anstieg gegenüber September 2025 | 28,7 % |
| Zwei-Zimmer-Wohnung, etwa 50 m² | 898.154 Peso monatlich |
| Drei-Zimmer-Wohnung, etwa 70 m² | 1.214.267 Peso monatlich |
Die Angaben betreffen inserierte Wohnungen und sind keine Durchschnittswerte aller bestehenden Mietverhältnisse.
Die Unterscheidung zwischen Angebots- und Bestandsmieten erklärt einen Teil scheinbar widersprüchlicher Aussagen. Eine aktuelle Auswertung berichtet für die Angebotsmieten in CABA bis August 2026 einen realen Rückgang von 32,9 Prozent gegenüber Dezember 2023, während die von INDEC erfassten Mietpreise im gleichen Zeitraum stärker als die allgemeine Inflation gestiegen seien. Beide Entwicklungen können gleichzeitig auftreten: Neuvermietungsangebote und tatsächlich gezahlte Mieten erfassen unterschiedliche Vertragsbestände und Anpassungszeitpunkte.
Für einen Haushalt ist außerdem die Mietbelastungsquote entscheidend: Welcher Anteil seines verfügbaren Einkommens wird für Miete und wohnungsbezogene Nebenkosten benötigt? Eine gegenüber dem Verbraucherpreisindex gesunkene Angebotsmiete entlastet einen Haushalt nicht zwangsläufig, wenn sein Einkommen noch stärker zurückgeht. Häufigere Mietanpassungen und Fremdwährungsverträge können zudem Inflations- beziehungsweise Wechselkursrisiken auf den Mieter verlagern.
Die belastbare Aussage lautet deshalb: Die Deregulierung hat den Zugang zu angebotenen Mietwohnungen erkennbar verbessert; eine allgemeine Entlastung sämtlicher Mieter lässt sich daraus nicht ableiten.
Kaufmarkt, Finanzierung und Neubau
Am Kaufmarkt zeigt sich eine moderate Erholung. Nach Zonaprop lag der durchschnittliche Angebotspreis für Wohnungen in CABA im September 2026 bei 2.484 US-Dollar je Quadratmeter. Das waren 1,4 Prozent mehr als zu Jahresbeginn, aber weiterhin 11,3 Prozent weniger als beim historischen Höchststand der Reihe. Eine typische Zwei-Zimmer-Wohnung mit 50 Quadratmetern wurde mit ungefähr 131.000 US-Dollar angegeben. Angebotspreise sind auch hier von tatsächlich beurkundeten Kaufpreisen zu unterscheiden.
Steigende Kaufpreise können Vertrauen und bessere Investitionserwartungen anzeigen. Für Kaufinteressenten mit Peso-Einkommen können sie gleichzeitig den Eigentumserwerb erschweren. Entscheidend sind langfristige Finanzierungsmöglichkeiten, Eigenkapitalanforderungen und das Verhältnis von Kreditrate zu Einkommen. Bei inflationsindexierten Krediten sinkt zwar das Entwertungsrisiko der Bank; dafür trägt der Kreditnehmer das Risiko, dass seine Schulden und Raten schneller steigen als sein Einkommen.
Vom größeren Mietangebot lässt sich schließlich nicht auf einen Bauboom schließen. Im Juli 2026 lag der amtliche Bauaktivitätsindikator ISAC 4,5 Prozent unter dem Vorjahresmonat; für Januar bis Juli ergab sich noch ein Plus von 1,7 Prozent. Der Indikator umfasst die Bauwirtschaft insgesamt und erlaubt keine unmittelbare Aussage über fertiggestellte Wohnungen.
Damit werden zwei unterschiedliche Anpassungsprozesse sichtbar: Vorhandene Wohnungen können relativ schnell wieder zur Vermietung angeboten werden. Zusätzlicher Wohnraum entsteht erst nach Investitionsentscheidungen, Finanzierung, Genehmigung und Bau. Eine dauerhafte Verbesserung der Wohnraumversorgung verlangt deshalb neben Vertragsfreiheit auch verlässliche Rahmenbedingungen für Neubau und Infrastruktur.
Mileis wirtschaftspolitische Bilanz ist nach diesen Befunden weder auf einen bloßen Austeritätseffekt zu reduzieren noch bereits als abgeschlossener Wachstumserfolg zu bewerten. Das IWF-Lob ist durch erkennbare Stabilisierungsergebnisse begründet. Der Wohnungsmarkt liefert ein besonders deutliches Beispiel dafür, dass geänderte Anreize Angebot mobilisieren können. Ob daraus dauerhaft höhere Lebensstandards entstehen, entscheidet sich an produktiven Investitionen, formeller Beschäftigung, tragfähiger Finanzierung und einer Verbesserung der verfügbaren Realeinkommen.
