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Sind Bäume eigentlich schlau?

Sind Bäume eigentlich schlau?

Ajax und Bautz

Ajax und Bautz trotteten nebeneinander über die Verfassungswiese. Ajax, wie immer mit dem bedächtigen Schritt eines Dackels, der grundsätzlich davon ausging, dass die Welt voller interessanter Fragen sei, und Bautz mit jener leicht hüpfenden Gangart, die verriet, dass er grundsätzlich davon ausging, dass die Welt voller interessanter Dinge zum Beschnuppern sei.

Bautz blieb plötzlich vor einer mächtigen Eiche stehen, legte den Kopf schief und sah nach oben.

„Ajax?“

„Hm?“

„Sind Bäume eigentlich schlau?“

Ajax blieb ebenfalls stehen.

„Das hängt davon ab, was du unter schlau verstehst.“

Bautz dachte kurz nach.

„Also zum Beispiel: Wissen, wo der Futternapf steht.“

„Dann sind Bäume vermutlich weniger schlau als Dackel.“

„Und wissen, wann es Abendessen gibt?“

„Auch schwierig.“

Bautz nickte zufrieden.

„Dann wäre das geklärt.“

Ajax setzte sich ins Gras.

„So schnell nun auch wieder nicht. Bäume können nämlich Dinge, die wir Dackel überhaupt nicht können.“

Bautz betrachtete den Baum misstrauisch.

„Er kann nicht einmal laufen.“

„Das stimmt.“

„Er kann keinen Ball holen.“

„Auch richtig.“

„Er kann nicht bellen.“

„Zum Glück.“

Bautz überlegte.

„Was kann er denn dann?“

Ajax blickte hoch in die Krone der Eiche.

„Zum Beispiel über Jahrzehnte an derselben Stelle leben und dabei sehr genau auf seine Umgebung reagieren. Ein Baum merkt, ob der Boden trocken wird, wie viel Wasser verfügbar ist, wie warm es ist, wie lang die Tage sind und wie sich die Jahreszeiten verändern.“

Bautz sah jetzt ebenfalls nach oben.

„Und woher weiß der Baum, ob das nächste Jahr trocken oder nass wird?“

„Ganz genau weiß er es natürlich nicht“, erklärte Ajax. „Ein Baum hat keinen Wetterbericht. Aber er reagiert auf sehr viele Signale. Auf Bodenfeuchtigkeit, Temperatur, Licht, die Länge des Winters und darauf, wie seine Wasservorräte aussehen.“

Sie gingen weiter. Unter einer Buche blieb Ajax stehen.

„Wenn es sehr trocken wird, können Bäume zum Beispiel ihre Spaltöffnungen in den Blättern schließen.“

Bautz sah entsetzt aus.

„Ihre was?“

„Winzige Öffnungen in den Blättern. Darüber geben sie Wasser ab und nehmen Kohlendioxid auf.“

„Die können sie zumachen?“

„Ja.“

Bautz war beeindruckt.

„Das wäre praktisch. Könnte ich meine Ohren zumachen, wenn jemand sagt: Bautz, komm sofort her?“

„Deine Ohren funktionieren anders.“

„Schade.“

Ajax erklärte weiter, dass Bäume ihren Wasserverbrauch anpassen können. In trockenen Zeiten wachsen manche weniger, bilden kleinere Blätter oder werfen sogar Blätter früher ab. Die Wurzeln können tiefer oder weiter in den Boden wachsen, soweit die Art und der Standort das zulassen.

Bautz schnupperte am Stamm.

„Der Baum spart also Wasser.“

„Genau.“

„Das ist vernünftig.“

„Sehr.“

„Ich spare manchmal auch Energie.“

Ajax sah ihn an.

„Du meinst, wenn du unter dem Trampolin liegst und dich zwei Stunden nicht bewegst?“

„Exakt. Energiemanagement.“

Ajax nickte.

„Dann bist du möglicherweise ein ökologisch optimierter Dackel.“

Das gefiel Bautz.

Am Rand der Wiese standen mehrere alte Eichen. Unter ihnen lagen bereits einige Eicheln.

Bautz betrachtete sie.

„Und warum gibt es manchmal unglaublich viele Eicheln und manchmal kaum welche?“

„Das ist besonders interessant“, sagte Ajax. „Viele Bäume haben sogenannte Mastjahre. Dann produzieren sie sehr viele Früchte oder Samen. In anderen Jahren deutlich weniger.“

„Warum?“

„Dafür gibt es mehrere Gründe. Wetter und Nährstoffversorgung spielen eine Rolle. Außerdem kann es für Bäume vorteilhaft sein, nicht jedes Jahr gleich viele Früchte zu produzieren.“

Bautz sah ihn verständnislos an.

Ajax erklärte: „Wenn in einem Jahr plötzlich sehr viele Eicheln vorhanden sind, können Mäuse, Wildschweine und andere Tiere gar nicht alle fressen. Ein Teil bleibt übrig und kann keimen.“

Bautz setzte sich.

„Das ist schlau.“

„Ja.“

„Der Baum produziert einfach mehr Essen, als alle anderen auffressen können.“

„So ungefähr.“

Bautz strahlte.

„Das ist auch meine Strategie bei Kaustangen.“

Ajax schüttelte langsam den Kopf.

„Nein, Bautz. Deine Strategie besteht darin, mehr Kaustangen zu fordern, als überhaupt vorhanden sind.“

Sie liefen weiter in Richtung der alten Baumgruppe hinter der Verfassungswiese.

Dort wurde Bautz plötzlich nachdenklich.

„Aber reden Bäume eigentlich miteinander?“

Ajax blieb stehen.

„Nicht so wie wir.“

„Also kein Wuff?“

„Kein Wuff.“

„Kein Knurren?“

„Auch nicht.“

„Kein ‚Geh von meinem Baum weg‘?“

Ajax blickte zu ihm.

„Zumindest nicht akustisch.“

Dann erklärte er Bautz, dass Bäume und andere Pflanzen chemische Signale aussenden können. Wenn beispielsweise Blätter von Insekten angegriffen werden, können bestimmte Duftstoffe freigesetzt werden. Andere Pflanzen in der Umgebung reagieren teilweise darauf und aktivieren eigene Abwehrmechanismen.

Bautz sah beeindruckt aus.

„Der eine Baum sagt also: Achtung, Käfer!“

„Vereinfacht gesagt.“

„Und der nächste sagt: Danke für die Warnung!“

„Vermutlich ohne Danke.“

„Unhöflich.“

Ajax erklärte weiter, dass es im Boden außerdem ein riesiges Netz aus Pilzfäden gebe. Pilze lebten mit vielen Baumwurzeln in enger Gemeinschaft. Die Pilze bekämen Zucker vom Baum und lieferten dafür Wasser und Mineralstoffe.

„Und über diese Pilznetzwerke können zwischen Pflanzen teilweise auch Stoffe und Signale ausgetauscht werden.“

Bautz blieb abrupt stehen.

„Unter uns ist ein Netzwerk?“

„Ja.“

Bautz schaute auf seine Pfoten.

„Unter der ganzen Wiese?“

„Teilweise jedenfalls.“

Bautz flüsterte:

„Ajax.“

„Ja?“

„Das ist ja wie das Internet.“

Ajax überlegte.

„Nur älter.“

Bautz schaute ehrfürchtig auf den Boden.

„Das Baum-Internet.“

„Man sollte mit solchen Vergleichen vorsichtig sein“, sagte Ajax. „Bäume planen keine Nachrichten und führen keine Gespräche wie wir. Aber Wälder sind komplizierte Gemeinschaften. Wurzeln, Pilze, Bakterien, Pflanzen und Tiere beeinflussen sich gegenseitig.“

Bautz nickte.

„Das heißt, ein Baum ist gar nicht allein.“

„Genau.“

Sie erreichten die große Eiche am Ende der Verfassungswiese. Ihre Krone war weit ausladend, und unter ihr lag kühler Schatten.

Bautz ließ sich sofort ins Gras fallen.

„Sehr vernünftiger Baum.“

Ajax setzte sich neben ihn.

„Warum?“

„Schatten.“

„Das ist tatsächlich eine seiner Leistungen.“

Eine Weile schwiegen sie.

Dann fragte Bautz:

„Was können wir von Bäumen lernen?“

Ajax sah hoch in die Äste.

„Eine ganze Menge.“

Bautz wartete.

„Zum Beispiel, dass man nicht jede Veränderung sofort bekämpfen muss. Manchmal passt man sich an. Wenn wenig Wasser da ist, spart man Wasser. Wenn viel vorhanden ist, wächst man stärker.“

Bautz nickte.

„Anpassen.“

„Genau. Außerdem denken Bäume gewissermaßen in langen Zeiträumen. Ein alter Baum hat viele trockene Sommer, nasse Winter, Stürme und kalte Jahre erlebt.“

„Also nicht gleich nervös werden.“

„Das wäre eine mögliche Lehre.“

Bautz dachte nach.

„Was noch?“

„Dass Zusammenarbeit nützlich sein kann. Ein Wald funktioniert nicht nur aus einzelnen Bäumen. Das ganze System hängt zusammen.“

Bautz sah über die Wiese.

„Wie die Dackelbande.“

Ajax lächelte.

„Ein bisschen.“

„Einer findet den Stock.“

„Ja.“

„Einer entdeckt den Frosch.“

„Ja.“

„Einer bewacht die Verfassung.“

„Das wäre dann wohl ich.“

„Und einer weiß, wo die Kauknochen liegen.“

Ajax sah Bautz an.

„Das bist nach Lump erstaunlich oft du.“

Bautz grinste.

Dann wurde er wieder ernst.

„Und wie sollte man mit Bäumen umgehen?“

Ajax schaute auf den mächtigen Stamm hinter ihnen.

„Vielleicht zunächst mit etwas mehr Respekt. Ein alter Baum ist nicht einfach nur ein Stück Holz, das zufällig noch steht. Er ist Lebensraum, Wasserspeicher, Schattenspender, Kohlenstoffspeicher und Teil eines ganzen Ökosystems.“

Bautz legte den Kopf schief.

„Also sollte man ihn nicht einfach umsägen, nur weil irgendwo ein paar Blätter herumliegen.“

„Das wäre zumindest ein ziemlich schlechter Grund.“

„Und junge Bäume?“

„Die brauchen Platz, Wasser und Zeit.“

Bautz seufzte.

„Zeit ist schwierig.“

„Warum?“

„Menschen haben es immer eilig.“

Ajax nickte.

„Das ist vielleicht einer der größten Unterschiede zwischen Menschen und Bäumen.“

„Und Dackeln?“

Ajax sah Bautz an.

„Dackel können sehr geduldig sein.“

Bautz nickte heftig.

„Natürlich.“

„Wenn irgendwo ein Kaninchenbau ist.“

„Dann sogar stundenlang.“

Ajax musste lachen.

Der Wind strich durch die Krone über ihnen. Die Blätter raschelten, und für einen kurzen Augenblick klang es tatsächlich ein wenig so, als würden die Bäume miteinander flüstern.

Bautz blickte nach oben.

„Ajax?“

„Ja?“

„Was meinst du, was dieser Baum gerade sagt?“

Ajax lauschte.

„Vielleicht: Es wird Herbst.“

Bautz lauschte ebenfalls.

„Ich glaube, er sagt: Bautz sollte jetzt einen Kauknochen bekommen.“

Ajax sah ihn lange an.

„Das hat der Baum ganz sicher nicht gesagt.“

Bautz stand auf und schüttelte sich.

„Man muss eben lernen, die Sprache der Natur richtig zu verstehen.“

Und so zogen Ajax und Bautz weiter über die Verfassungswiese – Ajax überzeugt davon, dass Bäume auf erstaunliche Weise intelligent an ihre Umwelt angepasst waren, und Bautz überzeugt davon, gerade einen besonders guten Zugang zur pflanzlichen Kommunikation entdeckt zu haben.

Hinter ihnen rauschte die Eiche im Wind.

Vielleicht war es nur der Wind.

Vielleicht sagte sie aber auch:

„Kauknochen wären tatsächlich keine schlechte Idee.“

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