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Die Dackelbande und das große Samstagsheulen

Die Dackelbande und das große Samstagsheulen

Heulende Dackel

Samstagmittag auf der Verfassungswiese.

Die Sonne stand über den alten Bäumen, am Teich glitzerte das Wasser, irgendwo raschelte ein Igel im Gebüsch, und eigentlich hätte man meinen können, dass auf der Verfassungswiese gerade überhaupt nichts Besonderes geschehen würde.

Doch dann war es Punkt zwölf Uhr.

Aus der Ferne begann die Sirene.

„Wuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuu!“

Ajax hob den Kopf.

Ares hob den Kopf.

Bautz verließ seine Überwachungsposition unter dem Trampolin.

Eddi vergaß für einen Augenblick sogar den Frosch, den er seit fünf Minuten höflich, aber bestimmt dazu aufforderte, endlich ins Wasser zu springen.

Gaius ließ seinen Stock fallen.

Lump setzte sich hin.

Caius spitzte die Ohren.

Balder öffnete langsam die Augen.

Axel lugte aus seinem Buddelloch hervor.

Die Sirene heulte weiter.

„WUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUU!“

Ares sah zu Ajax.

Ajax sah zu Balder.

Balder sah zu Caius.

Und dann geschah, was jeden Samstag um zwölf Uhr geschehen musste.

Ajax legte den Kopf weit in den Nacken.

„Auuuuuuuuuuuuuuuuuuuu!“

Ares stimmte ein.

„Auuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuu!“

Bautz machte mit.

„AAAAAUUUUUUUUUUU!“

Gaius heulte.

Lump heulte.

Caius heulte.

Eddi heulte.

Axel heulte.

Und schließlich erhob sich sogar Balder, der älteste Dackel der ganzen Bande auf seine Vorderpfoten, hob seine grauweißen Augenbrauen und ließ ein tiefes, erstaunlich wolfsähnliches

„Aaaaaaaaaauuuuuuuuuuuuuuuuu“ über die Verfassungswiese ziehen.

Wenn ein Dackel heult, klingt das eindrucksvoll. Wenn aber eine ganze Bande dunkelhaariger Rauhaardackel gleichzeitig versucht, wie ein Rudel Wölfe zu klingen, dann entsteht etwas, das sich nur schwer beschreiben lässt.

Als die Sirene endlich verstummte, verstummten auch die Dackel. Fast.

Bautz heulte noch ungefähr drei Sekunden weiter.

„Auuuuu—“

Dann bemerkte er, dass alle anderen ihn ansahen.

„Was denn?“, fragte er. „Ich wollte ordentlich zu Ende machen.“

Ajax räusperte sich.

„Nun“, sagte er, „die interessante Frage lautet natürlich: Warum heulen wir eigentlich mit?

Ares setzte sich sofort neben ihn.

„Weil wir von den Wölfen abstammen!“, erklärte er. „Das ist ein uralter Ruf unserer Vorfahren. Sobald wir die Sirene hören, erinnert sich tief in uns etwas daran, dass wir eigentlich wilde Tiere sind.“

Bautz sah an sich herunter.

Dann betrachtete er seine kurzen Beine.

„Sehr wilde Tiere“, sagte er.

„Ich wäre vermutlich ein Wolf für niedrige Büsche.“

Lump schüttelte energisch den Kopf.

„Nein. Wir heulen, weil alle anderen heulen.“

Das klang für Lump völlig logisch.

„Wenn sieben Dackel anfangen zu heulen“, erklärte er, „kann der achte ja schlecht sagen: Nein danke, ich habe heute andere Termine.“

Gaius hatte währenddessen seinen besonders langen Stock wieder aufgenommen.

Er legte ihn sorgfältig vor sich ab.

„Ich glaube“, sagte er, „die Sirene ist ein Signal.“

Ajax nickte anerkennend.

„Das ist sie tatsächlich.“

„Eben“, sagte Gaius. „Und wenn jemand ein Signal gibt, sollte man antworten. Sonst weiß derjenige ja nicht, ob es angekommen ist.“

Ajax wollte etwas erwidern. Dann dachte er darüber nach. „Nicht vollkommen wissenschaftlich“, sagte er schließlich. „Aber bemerkenswert konsequent.“

Eddi blickte zum Teich. Der Frosch saß noch immer auf demselben Stein.

„Ich glaube“, sagte Eddi, „wir heulen, damit alle Tiere wissen, dass zwölf Uhr ist.“

Der Frosch sprang ins Wasser.

Platsch.

Eddi strahlte.

„Seht ihr? Hat funktioniert.“

Caius hatte bislang geschwiegen.

Nun setzte er sich gerade hin.

„Ich sehe das strategischer“, erklärte er. „Eine Sirene ist laut. Wir sind ebenfalls laut. Wenn zwei laute Dinge gleichzeitig stattfinden, darf man sich fragen, welches lauter ist.“

„Und?“, fragte Ares.

Caius blickte über die versammelte Bande.

„Wir.“

Bautz nickte begeistert.

„Das ist auch meine Theorie.“

„Du hattest noch gar keine Theorie“, sagte Axel.

„Jetzt schon.“

Dann wandten sich alle Balder zu.

Der alte Dackel saß etwas abseits im Schatten. Um seine Augen lagen die typischen hellen Haarringe, die ihm stets den Ausdruck eines Weisen verliehen, der bereits wusste, dass alle gleich die falsche Antwort geben würden.

Ares setzte sich vor ihn.

„Balder“, fragte er, „warum heulen Dackel bei einer Sirene?“

Balder dachte nach.

„Weil sie es können.“

Ares wartete.

„Mehr nicht?“

„Doch.“

Balder sah über die Wiese.

„Eine Sirene hat einen langen, gleichmäßigen Ton. Hunde hören darin etwas, das einem langgezogenen Ruf ähnelt. Und Rufe beantwortet man. Das ist sehr alt. Älter als Häuser. Älter als Straßen. Wahrscheinlich sogar älter als Dackel.“

Bautz staunte.

„Älter als Dackel?“

Balder nickte.

„Kaum vorstellbar, ich weiß.“

Nun fehlte nur noch Ajax.

Der Hüter der Verfassung hatte aufmerksam zugehört und erhob sich.

„Dann möchte ich die verschiedenen Auffassungen zusammenfassen“, sagte er.

Alle Dackel setzten sich. Selbst Bautz und Axel – mit Blick auf sein Buddelloch.

„Ares hält es für das Erbe des Wolfes. Lump für Gruppendynamik. Gaius für eine ordnungsgemäße Empfangsbestätigung. Eddi für eine öffentliche Zeitansage. Caius für einen Lautstärkewettbewerb. Bautz…“

Ajax hielt kurz inne.

„…findet Heulen einfach gut.“

„Sehr gut sogar“, bestätigte Bautz.

Ajax nickte.

„Und Balder hat wahrscheinlich recht.“

Damit schien die Sache geklärt.

Doch Ares hatte noch eine Frage.

„Und warum heulst du mit, Ajax?“

Ajax schwieg.

Alle sahen ihn an.

Der Professor der Dackelbande blickte erst nach links, dann nach rechts.

Dann sagte er: „Weil eine Gemeinschaft manchmal Dinge tut, die nicht notwendig sind, keinen besonderen Nutzen haben und trotzdem alle miteinander verbinden.“

Balder lächelte.

Ajax fügte hinzu:

„Außerdem wäre es vollkommen absurd, sieben Dackel heulen zu lassen und selbst still daneben zu sitzen.“

Das überzeugte endgültig.

Gaius nahm seinen Stock.

Eddi ging zurück zum Teich.

Lump suchte ein schattiges Plätzchen.

Bautz legte sich mitten auf den Weg.

Axel steckte den Kopf in sein Buddelloch.

Und Ares schaute schon erwartungsvoll in Richtung des Dorfes.

„Wie lange ist es bis nächsten Samstag um zwölf?“

Ajax seufzte.

„Eine Woche.“

Ares dachte kurz nach.

„Ganz schön lange.“

Da öffnete Bautz ein Auge.

„Wir könnten üben.“

Ajax wollte gerade entschieden widersprechen.

Doch es war bereits zu spät.

Bautz legte den Kopf zurück.

„Auuuuuuuuuuuuuuuuuu!“

Lump machte mit.

Gaius machte mit.

Eddi heulte vom Teich herüber.

Ares sprang auf.

Caius stimmte ein.

Axel unterbrach seine Erdarbeiten.

Und sogar Balder hob wieder den Kopf.

Ajax betrachtete seine Bande.

Dann seufzte er, setzte sich hin und heulte ebenfalls.

Auuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuu!

Und so wusste an diesem Samstag spätestens um fünf Minuten nach zwölf jedes Tier im Umkreis der Verfassungswiese zwei Dinge ganz genau:

Die Sirene funktionierte.

Und die Dackelbande auch.

Dackelweisheit des Tages

Man muss nicht auf jeden Ruf antworten. Aber wenn alle Freunde gemeinsam heulen, wäre Schweigen manchmal auch keine vernünftige Lösung.

Heulende Dackel
Heulende Dackel

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