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Ajax und die Unschuldsvermutung auf der Verfassungswiese

Ajax und die Unschuldsvermutung auf der Verfassungswiese

Ajax - Bautz - Ares

 

Der Wind bewegte langsam das hohe Gras auf der Verfassungswiese, und irgendwo hinter den alten Apfelbäumen summten dicke Hummeln über den weißen Klee. Die Dackelbande lag verstreut in der Sonne. Axel döste unter der Bank am kleinen Hügel, Caius beobachtete aufmerksam zwei Krähen am Zaun, und Opa Balder schlief mit halb geöffneten Augen neben seinem Lieblingsstein.

Nur Bautz und Ares wirkten unruhig.

Die beiden jungen Rauhaardackel liefen nebeneinander über die Wiese, ihre dunklen struppigen Felle bewegten sich im Wind. Immer wieder blickten sie hinüber zu Ajax.

Ajax saß wie fast immer oben auf dem kleinen Hügel am Teich.

Dort, wo die Dackelbande seit vielen Jahren zusammenkam, wenn wichtige Fragen besprochen werden mussten.

Sein dunkles Fell glänzte in der Sonne, und sein ruhiger Blick wanderte über die ganze Wiese, als würde er gleichzeitig alles sehen und alles verstehen.

Bautz setzte sich schließlich vor ihn.

„Ajax“, begann er vorsichtig, „was ist eigentlich eine Unschuldsvermutung?“

Ares nickte sofort.

„Und warum gibt es die überhaupt?“

Ajax schwieg einen Moment.

Nicht, weil er die Antwort nicht wusste.

Sondern weil manche Dinge auf der Verfassungswiese zu wichtig waren, um sie hastig zu erklären.

Dann sagte er ruhig:

„Die Unschuldsvermutung bedeutet, dass jeder Dackel solange als unschuldig gilt, bis seine Schuld wirklich bewiesen wurde.“

Ares legte den Kopf schief.

„Aber warum braucht man so eine Regel überhaupt?“

Ajax sah hinunter auf die Wiese.

„Weil Angst, Wut und Gerüchte gefährlich sind.“

Der Wind wurde etwas stärker.

„Wenn eine Gemeinschaft vergisst, dass erst bewiesen werden muss, ob jemand wirklich etwas getan hat, dann beginnt sie irgendwann, Dackel schon wegen bloßer Behauptungen zu verurteilen.“

Bautz dachte nach.

„Also schützt die Unschuldsvermutung davor, dass man einfach beschuldigt wird?“

„Ja“, sagte Ajax. „Aber sie schützt noch viel mehr.“

Er richtete sich langsam auf.

„Sie schützt die Würde jedes einzelnen Dackels.“

Nun hörten auch Lump, Eddi und Bossi aufmerksam zu.

Ajax sprach ruhig weiter:

„Denn wenn bloße Vermutungen ausreichen würden, könnte jeder Dackel plötzlich Angst haben.“

„Angst wovor?“, fragte Ares leise.

„Vor Gerüchten.
Vor Anschuldigungen.
Vor falschen Behauptungen.
Vor der Macht der lautesten Stimmen.“

Die Wiese wurde still.

Sogar die Krähen am Zaun schwiegen nun.

Ajax blickte zu den jungen Dackeln.

„Eine Gemeinschaft zeigt ihren wahren Charakter nicht daran, wie sie mit beliebten Dackeln umgeht.“

„Sondern?“, fragte Bautz.

„Sondern daran, wie sie mit einem Dackel umgeht, gegen den ein Vorwurf im Raum steht.“

Ares dachte lange darüber nach.

Dann fragte er:

„Aber wenn jemand wirklich etwas Schlimmes getan hat?“

Ajax nickte langsam.

„Dann muss es untersucht werden.
Sorgfältig.
Fair.
Mit offenen Augen.“

Er machte eine kurze Pause.

„Aber gerade dann ist die Unschuldsvermutung wichtig. Denn Recht darf niemals davon abhängen, ob andere wütend sind.“

Opa Balder öffnete nun langsam ein Auge.

„Früher“, murmelte er ruhig, „haben manche Rudel geglaubt, Anschuldigungen allein würden schon reichen.“

Ajax nickte ernst.

„Und genau deshalb gibt es die Unschuldsvermutung.“

Der alte Dackel setzte sich etwas auf.

„Denn sobald eine Gemeinschaft beginnt, Verdächtigungen wie Wahrheiten zu behandeln, verlieren irgendwann alle ihren Schutz.“

Nun wurde Ares ganz still.

„Dann könnte irgendwann jeder betroffen sein.“

„Genau“, sagte Ajax.

„Heute vielleicht ein anderer Dackel.
Morgen vielleicht du.“

Der Wind strich über die Verfassungswiese.

Die jungen Dackel blickten hinunter in das klare Wasser des Teiches.

Dann fragte Bautz:

„Und welchen Schutz soll die Unschuldsvermutung eigentlich entfalten?“

Ajax antwortete ohne Zögern:

„Sie soll verhindern, dass ein Dackel gesellschaftlich, rechtlich oder persönlich zerstört wird, bevor überhaupt feststeht, ob ein Vorwurf wahr ist.“

Nun war selbst Lump ungewöhnlich ernst geworden.

Ajax sprach weiter:

„Die Unschuldsvermutung schützt davor, vorschnell ausgeschlossen zu werden.
Sie schützt vor öffentlicher Vorverurteilung.
Vor Machtmissbrauch.
Vor Angst.
Und vor einer Gemeinschaft, die lieber schnell urteilt, statt gerecht zu sein.“

Ares blickte langsam über die Wiese – dort spielten Caius und Bossi inzwischen völlig ausgelassen und fröhlich.

„Dann ist die Unschuldsvermutung eigentlich eine Art Schutzschild für die Würde aller Dackel“, sagte er leise.

Ajax lächelte.

„Ja.“

Er sah in den Himmel.

„Denn auf der Verfassungswiese gilt ein sehr alter Grundsatz.“

Die jungen Dackel rückten näher.

Ajax sagte ruhig:

„Lieber trägt eine Gemeinschaft das Risiko, geduldig auf Wahrheit zu warten, als einen unschuldigen Dackel ungerecht zu behandeln.“

Lange sagte niemand etwas.

Und irgendwo zwischen den Sonnenstrahlen der Verfassungswiese verstanden Bautz und Ares plötzlich, dass die Unschuldsvermutung nicht Schwäche bedeutete.

Sondern den Mut einer gerechten Gemeinschaft, nicht vorschnell über einen anderen Dackel zu urteilen.

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