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Alles auf den Tisch! – Axel über Dackelwürde und Framing

Alles auf den Tisch! – Axel über Dackelwürde und Framing

Axel und Arno - Framing

An diesem Vormittag lag die Verfassungswiese friedlich in der Sonne. Das Gras wogte leicht im Wind, eine Amsel schimpfte über einen frechen Spatz, und irgendwo hatte Bautz bereits den dritten besonders interessanten Maulwurfshügel des Tages entdeckt. Nur Axel saß wie immer auf seinem Lieblingsplatz unter der alten Eiche. Kerzengerade. Die Vorderpfoten parallel. Der Blick aufmerksam, aber freundlich.

Wer Axel kannte, wusste: Wenn er etwas sagte, dann genau das, was er meinte. Kein Herumgerede. Kein „eigentlich“. Kein „vielleicht“. Kein „man könnte auch“. Für Axel war Klarheit eine Frage des Respekts.

An diesem Tag kam Arno aus Berlin über den kleinen Feldweg auf die Wiese gelaufen. Er war noch nicht lange Mitglied der Dackelbande und hatte sich angewöhnt, bei schwierigen Fragen zuerst Axel zu suchen.

„Axel? Darf ich dich etwas fragen?“

Axel nickte.

„Natürlich. Fragen sind immer erlaubt.“

Arno setzte sich neben ihn.

„In Berlin höre ich ständig das Wort *Framing*. Alle reden darüber. Manche finden es ganz normal, andere schimpfen darüber. Hier auf der Verfassungswiese scheinen aber alle Framing abzulehnen. Warum eigentlich? Und was hat das mit Dackelwürde zu tun?“

Axel schwieg einen Augenblick.

„Das ist eine gute Frage.“

Inzwischen hatten auch Ares, Ajax, Balder, Gaius, Eddi und Bautz ihre Spaziergänge unterbrochen. Wenn Axel anfing zu erklären, lohnte sich das Zuhören fast immer.

Axel nahm einen Stock und zeichnete zwei Kreise in den Sand.

„Stell dir vor“, begann er, „hier liegen zwei völlig gleiche Knochen.“

Alle Dackel nickten.

„Jetzt sage ich zu euch: *Hier liegen zwei Knochen.*“

„Das stimmt“, meinte Bautz.

„Ja.“

Axel zeichnete nun einen dritten Kreis.

„Jetzt sage ich stattdessen: *Hier liegt der Knochen, um den sich alle vernünftigen Dackel streiten würden.*“

Ares grinste.

„Das klingt gleich viel spannender.“

„Obwohl es derselbe Knochen ist“, ergänzte Ajax.

„Genau.“

Axel nickte zufrieden.

„Ich habe euch nicht mehr Informationen gegeben. Ich habe eure Gedanken in eine bestimmte Richtung gelenkt.“

Arno überlegte.

„Also ist Framing gar nicht unbedingt eine Lüge?“

„Nein.“

„Aber es versucht, bevor ich selbst nachdenken kann, schon eine Bewertung in meinen Kopf zu setzen.“

„Ganz genau.“

Jetzt meldete sich Gaius.

„Also ist Framing wie eine Brille?“

Axel lächelte.

„Ein gutes Bild.“

„Wenn dir jemand vorher eine rote Brille aufsetzt, sieht plötzlich alles rötlich aus. Nicht weil die Welt rot geworden ist, sondern weil jemand bestimmt hat, durch welche Farbe du sie betrachten sollst.“

Balder schüttelte den Kopf.

„Das gefällt mir überhaupt nicht.“

„Mir auch nicht“, sagte Axel.

„Denn ein freier Dackel soll zuerst die Wirklichkeit sehen und danach seine Meinung bilden. Nicht umgekehrt.“

Arno nickte langsam.

„Und deshalb sagt ihr immer: Erst alle Tatsachen auf den Tisch?“

„Ja.“

Axel sprach ruhig weiter.

„Wenn ich möchte, dass du frei entscheidest, dann erzähle ich dir möglichst vollständig, was geschehen ist. Vielleicht gibt es Argumente dafür. Vielleicht dagegen. Vielleicht weiß ich manches noch gar nicht. Dann sage ich auch das.“

„Und danach?“, fragte Eddi.

„Danach entscheidest du.“

Bautz runzelte die Stirn.

„Aber das dauert doch länger.“

„Natürlich.“

„Und manchmal bekomme ich dann gar nicht die Entscheidung, die ich mir wünsche.“

„Auch das.“

Axel sah in die Runde.

„Wer Framing benutzt, möchte häufig schon den Weg der Gedanken vorbereiten. Wer Dackelwürde achtet, vertraut darauf, dass andere selbst denken können.“

Nun hob Ajax eine Pfote.

„Heißt das, dass man niemals Beispiele benutzen darf?“

„Doch.“

„Oder Gefühle?“

„Natürlich darf man Gefühle haben.“

„Oder eine Meinung?“

„Selbstverständlich.“

Axel lächelte.

„Aber man sollte deutlich sagen, was Tatsache ist, was Meinung ist und was nur Vermutung ist. Wenn diese drei Dinge vermischt werden, verliert jeder die Orientierung.“

„Framing wird dann problematisch, wenn es nicht mehr darum geht, verständlich zu erklären, sondern  möglichst unbemerkt in eine gewünschte Richtung zu lenken.“

Arno schaute nachdenklich über die Wiese.

„Dann ist Framing eigentlich das Gegenteil von Vertrauen.“

„Ja.“

„Denn wer mir vertraut, braucht meine Gedanken nicht heimlich zu steuern.“

Axel nickte nur.

Es entstand eine kleine Pause.

Schließlich sprang Bautz auf.

„Dann haben wir auf der Verfassungswiese eigentlich eine ganz einfache Regel.“

„Welche?“, fragte Eddi.

Bautz stellte sich breitbeinig hin.

„Alles auf den Tisch.“

Ajax ergänzte:

„Nichts verstecken.“

Ares sagte:

„Keine Tricks.“

Balder fügte hinzu:

„Keine Wörter, die schon vorher entscheiden.“

Gaius lächelte.

„Jeder Dackel darf selbst denken.“

Und Axel schloss mit einem Satz, der später auf der ganzen Verfassungswiese berühmt wurde:

„Dackelwürde bedeutet nicht, dass alle dieselbe Meinung haben. Dackelwürde bedeutet, dass jeder Dackel die Freiheit verdient, sich seine Meinung selbst zu bilden.“

Einen Moment lang war es ganz still.

Dann nickten alle.

Arno blickte über die Verfassungswiese, auf der jeder Dackel anders dachte, anders sprach und manchmal auch leidenschaftlich widersprach. Doch niemand versuchte, den anderen heimlich in eine Richtung zu schieben. Hier wurden Tatsachen offen benannt, Meinungen klar als Meinungen gekennzeichnet und Entscheidungen jedem einzelnen überlassen.

„Jetzt verstehe ich“, sagte Arno schließlich.

„Deshalb fühlt sich diese Wiese so frei an.“

Axel lächelte.

„Genau deshalb nennen wir sie die Verfassungswiese.“

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