Ein heißer Sommertag am Teich mit Gaius
Schon am frühen Morgen lag die Hitze wie eine schwere Decke über der Verfassungswiese. Kein Blatt bewegte sich, selbst die Krähen hatten ihre Diskussionen eingestellt und saßen mit geöffnetem Schnabel im Schatten der alten Weiden. Nur die Dackelbande hatte sich wie jeden Sommertag auf den Weg zum Teich gemacht, denn dort ließ sich die Wärme wenigstens einigermaßen ertragen.
Gaius ging diesmal vorneweg. Er wusste genau, wie man mit heißen Tagen umzugehen hatte. Während die anderen noch vorsichtig am Ufer stehen blieben und das Wasser skeptisch betrachteten, nahm Gaius Anlauf, sprang mit einem eleganten Satz hinein und zog ruhig seine Bahnen. Er schwamm nicht wie ein Hund – er glitt lautlos durchs Wasser wie ein Otter. Sein dunkles Rauhaar glänzte nass in der Sonne, der Bart tropfte, und mit jedem Zug wirkte er zufriedener. Die jüngeren Dackel sahen ihm ehrfürchtig zu.
„Merkt euch eines“, rief Gaius zwischen zwei Schwimmzügen. „Ein vernünftiger Dackel hat Respekt vor Wasser. Aber Angst ist völlig unnötig.“
Caius, der Onkel von Gaius und irgendwie sein Namensgeber, fand diese Theorie ausgesprochen überzeugend. Er rannte begeistert zum Ufer, bremste jedoch genau in dem Moment, als seine Vorderpfoten das kalte Wasser berührten. Er sprang erschrocken einen Meter zurück, schüttelte beide Pfoten ausgiebig und tat anschließend so, als habe er lediglich die Wassertemperatur wissenschaftlich überprüft.
Bautz setzte sich derweil gemütlich unter eine Weide. Ihn interessierte weniger das Wasser als die drei Krähen, mit denen er seit Monaten eine bemerkenswerte Freundschaft pflegte. Die Krähen spazierten bis dicht an ihn heran und kommentierten scheinbar lautstark Gaius‘ Schwimmstil. Bautz antwortete mit ruhigem Schwanzwedeln. Außenstehende hätten geschworen, die vier führten ein ganz normales Gespräch.
Ares hatte inzwischen eine Libelle entdeckt. Hochkonzentriert pirschte er sich an sie heran. Die Libelle flog zwei Meter weiter. Ares folgte. Nach einer Viertelstunde hatte die Libelle vermutlich den unterhaltsamsten Vormittag ihres Lebens verbracht, während Aress überzeugt war, sie jederzeit erwischen zu können – morgen spätestens.
Lump legte sich direkt an den Rand des Teiches, genau dorthin, wo die feuchte Erde angenehm kühl war. Er hatte keinerlei Interesse, ins Wasser zu gehen. Dafür war der Boden viel zu bequem. Mit seinem kräftigen Körper streckte er alle vier Beine von sich, schloss die Augen und erklärte, dass wahre Intelligenz darin bestehe, die Kühle zu nutzen, ohne dabei nass zu werden. Niemand widersprach ihm. Lump hatte für fast alles eine einleuchtende Begründung.
Eddi hatte am Teich seine ganz eigene Lieblingsbeschäftigung gefunden. Mit gespitzten Ohren schlich er vorsichtig durch das Ufergras und hielt Ausschau nach Fröschen. Entdeckte er einen, näherte er sich mit größter Konzentration, bis der kleine Hüpfer im letzten Moment mit einem lauten „Platsch!“ ins Wasser sprang. Genau darauf wartete Eddi jedes Mal. Begeistert sprang er hinterher bis an den Uferrand, schaute dem Frosch nach und wedelte zufrieden mit dem Schwanz. Kaum war der Frosch verschwunden, begann die Suche von Neuem. Niemand auf der Verfassungswiese brachte so viele Frösche zum Springen wie Eddi – und vermutlich hatten auch die Frösche längst verstanden, dass der freundliche Rauhaardackel ihnen nichts Böses wollte, sondern einfach nur seine Freude an jedem einzelnen „Platsch“ hatte.
Bossi beobachtete aufmerksam eine Entenfamilie, die gelassen ihre Runden über den Teich zog. Er blieb vollkommen regungslos sitzen, als wolle er den Enten beweisen, dass auch ein Dackel über ausgezeichnete Selbstbeherrschung verfügen könne. Die Enten würdigten ihn keines Blickes. Bossi nahm das mit Fassung.
Ajax wiederum war davon überzeugt, dass jeder Sommertag eine ausführliche Inspektion der gesamten Uferlinie erforderte. Mit wichtiger Miene kontrollierte er Schilf, Steine, Wurzeln und Mauselöcher. Zwischendurch blieb er stehen, schnupperte konzentriert und nickte zufrieden. Offenbar war alles ordnungsgemäß.
Axel hingegen hatte die schattigste Stelle der gesamten Verfassungswiese gefunden und beobachtete das Treiben mit philosophischer Gelassenheit. „Es gibt zwei Arten von Dackeln“, stellte er fest. „Die einen schwimmen. Die anderen sind klug genug, Gaius dabei zuzusehen.“
In diesem Moment tauchte Gaius lautlos aus der Mitte des Teiches auf, schüttelte sich einmal kräftig und sorgte dafür, dass sämtliche Dackel in seiner Nähe einen feinen Sprühregen abbekamen. Empörte Blicke trafen ihn aus allen Richtungen.
Gaius lächelte nur unter seinem nassen Bart.
„Seht ihr“, sagte er, „Wasser ist eine wunderbare Erfindung. Man muss nur wissen, wie man mit ihm umgeht.“
Keiner widersprach. Schließlich konnte keiner der anderen so elegant schwimmen wie Gaius – naja, vielleicht Ajax. Und während die Sonne langsam tiefer sank und die Verfassungswiese in goldenes Licht tauchte, waren sich alle Mitglieder der Dackelbande in einem Punkt einig:
Ein Sommertag am Teich war erst dann ein richtiger Sommertag, wenn Gaius mindestens einmal wie ein Otter durch das Wasser geglitten war und Caius mindestens einmal behauptet hatte, das Wasser sei heute eindeutig zu kalt.

