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Wildtiere: Stachelchen gehört niemandem

Wildtiere: Stachelchen gehört niemandem

Es war ein stiller Abend auf der Verfassungswiese. Die Sonne stand schon tief, das Gras war noch warm vom Tag, und irgendwo am Rand des Teiches plumpste ein Frosch mit jener Entschlossenheit ins Wasser, die Eddi normalerweise sofort auf den Plan gerufen hätte.

Doch heute war es ungewöhnlich ruhig.

Ares lag neben Balder unter dem alten Apfelbaum. Vor ihnen führte ein schmaler Pfad zu der Hecke, in der Stachelchen, der Igel, sein kleines Reich hatte.

Ares schaute eine Weile dorthin.

Dann fragte er: „Balder?“

Balder öffnete ein Auge.

„Ja?“

„Was ist eigentlich der Unterschied zwischen uns und Stachelchen?“

Balder öffnete nun auch das zweite Auge.

„Du meinst außer den Stacheln?“

Ares dachte kurz nach.

„Ja. Obwohl die natürlich schon ziemlich entscheidend sind.“

Balder setzte sich auf.

„Nun“, sagte er, „wir sind Haustiere. Stachelchen ist ein Wildtier.“

Ares nickte langsam.

Das wusste er natürlich.

Aber eigentlich wusste er es auch wieder nicht.

„Und was bedeutet das genau?“

Balder überlegte.

„Ein Haustier lebt mit Menschen zusammen. Menschen haben Verantwortung für uns übernommen. Sie geben uns Futter, Wasser und einen sicheren Platz. Wenn wir krank sind, bringen sie uns zum Tierarzt. Wenn wir uns verletzen, kümmern sie sich darum.“

Ares sah zur Hecke.

„Und Stachelchen?“

„Stachelchen“, sagte Balder, „gehört niemandem.“

Ares runzelte die Stirn.

Das gefiel ihm nicht.

„Niemandem?“

„Niemandem.“

„Das klingt aber ziemlich traurig.“

Balder schüttelte den Kopf.

„Nein. Eigentlich ist es etwas sehr Schönes.“

Jetzt verstand Ares überhaupt nichts mehr.

Balder erklärte: „Stachelchen lebt sein eigenes Leben. Er entscheidet selbst, wo er schläft, wohin er läuft und welchen Käfer er zum Abendessen findet. Kein Mensch bestimmt seinen Tagesablauf. Niemand sagt ihm, wann Spaziergang ist oder dass er jetzt bitte nicht unter dem Gartenzaun hindurchkriechen soll.“

Ares musste zugeben, dass dieser letzte Punkt durchaus Vorteile hatte.

„Dann ist ein Wildtier also freier?“

„In gewisser Weise ja.“

„Aber auch allein?“

Balder sah ihn an.

„Manchmal.“

Ares schwieg.

Dann kam die Frage, die ihn eigentlich beschäftigt hatte.

„Und wenn Stachelchen sich verletzt?“

Balder antwortete nicht sofort.

„Wenn ich mir die Pfote verletze“, sagte Ares, „kommt jemand. Wenn du krank wirst, kommt jemand. Wenn Lump Bauchweh hat, obwohl er selbstverständlich wieder irgendetwas gegessen hat, was überhaupt nicht für Dackel bestimmt war, kommt auch jemand.“

Aus der Nähe des Hauses ertönte ein empörtes „Habe ich gehört!“

Ares ignorierte es.

„Aber wer kommt für Stachelchen?“

Balder blickte lange zur Hecke.

„Das“, sagte er schließlich, „ist eine der schwierigen Seiten des Lebens als Wildtier.“

Ares rückte etwas näher.

„Also niemand?“

„Doch“, sagte Balder. „Hoffentlich jemand.“

Ares sah ihn fragend an.

„Ein aufmerksamer Mensch zum Beispiel. Jemand, der erkennt, dass ein Wildtier wirklich Hilfe braucht. Vielleicht ein Tierarzt. Vielleicht eine Wildtierstation. Vielleicht Menschen, die sich mit Igeln auskennen.“

„Aber woher wissen die, dass Stachelchen verletzt ist?“

Balder lächelte ein wenig.

„Dafür braucht es Menschen – und manchmal Dackel –, die nicht nur auf sich selbst achten.“

In diesem Moment kam Ajax über die Wiese. Er hatte offenbar den letzten Teil des Gesprächs gehört.

„Das Entscheidende“, sagte er, „ist aber, dass man einem Wildtier richtig hilft.“

Ares hob den Kopf.

„Was heißt richtig?“

Ajax setzte sich zu ihnen.

„Nicht jedes Wildtier, das allein ist, braucht Hilfe. Ein junges Tier kann beispielsweise völlig gesund sein, obwohl seine Mutter gerade nicht zu sehen ist. Und ein Igel, der nachts durch den Garten läuft, braucht keinen Menschen, der ihn einsammelt und ihm ein Körbchen ins Wohnzimmer stellt.“

Ares musste lachen.

„Stachelchen im Wohnzimmer wäre sowieso schwierig.“

„Vor allem für das Sofa“, bemerkte Balder.

Ajax fuhr fort:

„Aber wenn ein Wildtier sichtbar verletzt ist, stark geschwächt wirkt oder sich ungewöhnlich verhält, dann darf man nicht einfach sagen: Das ist eben Natur.“

Ares dachte darüber nach.

„Warum nicht?“

Ajax sah hinaus auf die Wiese.

„Weil Freiheit nicht bedeutet, dass einem das Leid eines anderen gleichgültig sein muss.“

Für einen Moment sagte keiner etwas.

Man hörte nur die Blätter des Apfelbaums rascheln.

Dann fragte Ares:

„Wenn Stachelchen also verletzt wäre … würden wir ihm helfen?“

„Natürlich“, sagte Balder.

„Wie?“

„Du würdest ihn finden.“

„Ja.“

„Ajax würde überlegen, was zu tun ist.“

Ajax nickte würdevoll.

„Und dann würden wir die Menschen holen.“

Ares sah zufrieden aus.

„Dann hat Stachelchen also doch jemanden.“

Balder lächelte.

„Ja.“

„Obwohl er niemandem gehört.“

„Gerade deshalb“, sagte Ajax.

Ares blickte noch einmal zur Hecke.

Dort raschelte plötzlich etwas.

Eine kleine dunkle Nase erschien zwischen den Blättern. Dahinter folgte Stachelchen, vollkommen gesund, ausgesprochen rund und offensichtlich auf der Suche nach seinem Abendessen.

Ares sprang auf.

„STACHELCHEN!“

Stachelchen blieb stehen.

Er sah Ares an.

Ares sah Stachelchen an.

Dann erinnerte er sich an Balders Worte und setzte sich wieder hin.

„Du darfst ruhig weitergehen“, sagte er großzügig. „Du bist schließlich ein Wildtier.“

Stachelchen schien davon wenig beeindruckt.

Er schnupperte kurz, verschwand unter einem Busch und setzte sein Igelgeschäft fort.

Ares sah ihm nach.

„Balder?“

„Ja?“

„Ich glaube, ich habe es verstanden.“

„Was?“

Ares dachte einen Moment nach.

„Bei Haustieren gehört die Fürsorge fest zum Leben. Bei Wildtieren gehört zuerst die Freiheit dazu.“

Balder nickte.

„Und die Fürsorge?“

Ares sah zu der Stelle, an der Stachelchen verschwunden war.

„Die beginnt dort, wo ein freies Tier allein nicht mehr weiterkommt.“

Ajax lächelte.

Und für einmal hatte selbst der Professor nichts mehr hinzuzufügen.

Dackelweisheit des Tages

Ein Haustier vertraut darauf, dass jemand für es sorgt. Ein Wildtier vertraut zunächst auf sich selbst. Aber wenn es in Not gerät, erkennt man Menschlichkeit daran, dass seine Freiheit kein Grund ist, wegzusehen.

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