Die Dackelbande und die Suche nach dem coolsten Plätzchen
Die Sonne stand hoch am Himmel, kein Lüftchen bewegte die Blätter, und über dem Teich lag diese flirrende Wärme, bei der ein vernünftiger Dackel schon vom bloßen Hinsehen wusste: Heute wird nicht gerannt. Heute wird strategisch gelegen.
Ajax, der Professor und Hüter der Verfassung, hatte sich bereits am frühen Vormittag unter die große alte Buche zurückgezogen. Dort lag er lang ausgestreckt im Schatten, die Vorderpfoten ordentlich nebeneinander, und beobachtete die übrige Dackelbande mit dem ruhigen Blick eines Dackels, der ahnte, dass sich aus der Hitze noch eine Grundsatzfrage entwickeln würde. Und tatsächlich kam Bautz über die Wiese getrottet – sehr langsam, ungewöhnlich langsam.
„Ajax“, sagte er und ließ sich mit einem tiefen Seufzer ins Gras fallen, „wir müssen etwas klären.“ Ajax öffnete ein Auge. „Was?“ „Wer von uns hat eigentlich das coolste Plätzchen?“ Ajax schloss das Auge wieder. „Das“, sagte er, „ist eine Frage, die man nur empirisch beantworten kann.“ Bautz verstand kein Wort, fand es aber bedeutend und machte sich sofort auf den Weg, um die anderen zusammenzurufen.
Damit begann der große Dackel-Sommer-Plätzchen-Vergleich.
Gaius meldete sich als Erster. Er hatte sich unter einen dichten Haselstrauch gelegt; vor ihm lagen selbstverständlich drei seiner längsten Stöcke, ordentlich nebeneinander. „Hier“, erklärte er stolz, „ist es kühl, dunkel und meine Stöcke sind auch da.“ Lump steckte den Kopf zwischen den Zweigen hindurch. „Aber da drin piekst es.“ „Nur wenn man falsch liegt“, entgegnete Gaius. Lump hielt das für eine unnötig komplizierte Voraussetzung für ein gutes Sommerplätzchen und zog weiter.
Er selbst hatte nämlich etwas viel Besseres entdeckt: Unter einer alten Gartenbank befand sich ein schmaler Schattenstreifen, genau dackelhoch, genau dackelbreit, und der Boden darunter war angenehm kühl. Lump schob sich hinein, drehte sich zweimal um die eigene Achse und sah zufrieden heraus. „Perfekt!“ Bautz betrachtete die Sache. „Etwas eng.“ „Gemütlich“, korrigierte Lump. „Man kommt schlecht wieder heraus.“ „Dann bleibt man eben liegen.“ Dieses Argument war schwer zu widerlegen.
Eddi dagegen hatte natürlich den Teich gewählt – nicht direkt das Wasser, zumindest zunächst nicht. Er lag im Schatten des Schilfs und beobachtete hochkonzentriert die Frösche. Immer wenn einer zu nahe ans Ufer kam, hob Eddi langsam den Kopf; der Frosch bemerkte ihn, sprang mit einem Platsch! ins Wasser, und Eddi wedelte zufrieden. Das war für ihn die ideale Sommerbeschäftigung: möglichst wenig eigene Bewegung bei maximaler Bewegung der Frösche. „Und wenn dir zu warm wird?“, fragte Bautz. Eddi blickte zum Wasser, dann zu Bautz und wieder zum Wasser. Diese Frage beantwortete sich offenbar von selbst. Wenig später paddelte Eddi eine kleine Runde am Ufer entlang – nicht weit, denn Ajax hatte schließlich sehr deutlich erklärt, dass ein kluger Dackel bei Hitze weder Wettschwimmen noch Expeditionen zu Seeroseninseln veranstaltet.
Caius hatte inzwischen eine ganz andere Methode entwickelt. Er lag hinter der alten Steinmauer, die den ganzen Vormittag im Schatten gelegen hatte, und der Boden daneben war erstaunlich kühl. Caius drückte seinen Bauch möglichst flach auf die Erde. „Das“, erklärte er, „ist physikalisch überlegen.“ Ajax hob anerkennend den Kopf. „In der Tat.“ Bautz runzelte die Stirn und setzte er seine Suche fort.
Und dann fand Bautz es: das vielleicht großartigste Sommerplätzchen der gesamten Verfassungswiese. Unter einem großen Trampolin stand eine volle Wasserschale. Darunter war Schatten, es wuchs hohes Gras, und genau dort verlief eine kleine Mulde im Boden, in der sich die kühle Luft hielt. Bautz legte sich hinein, stellte eine Pfote in die Wasserschale – nur eine – und sah sich zufrieden um. „Meine Herren“, sagte er, „ich glaube, die Sache ist entschieden.“
Nach und nach kamen alle Dackel vorbei. Gaius fand die Mulde gut, vermisste aber seine Stöcke. Lump fand sie gut, vermisste aber die schützende Gartenbank über seinem Kopf. Eddi fand sie gut, konnte von dort aber die Frösche nicht sehen. Caius maß mit einer Pfote die Bodentemperatur und erklärte, die Steinmauer sei vermutlich noch zwei Grad kühler. Schließlich kam Ajax. Er betrachtete Bautz, die Wasserschale und die Mulde unter dem Trampolin. Dann sagte er: „Sehr gut.“ Bautz strahlte. „Also habe ich gewonnen?“ Ajax setzte sich. „Nein.“ Bautz‘ Ohren sanken. „Wieso nicht?“
Jetzt versammelte sich die ganze Dackelbande um den Professor. Ajax sah von einem zum anderen. „Weil das beste Plätzchen bei Hitze nicht dasjenige ist, das irgendein anderer Dackel für das beste hält.“ Er zeigte mit der Nase zu Gaius. „Gaius braucht Schatten und seine Stöcke.“ Dann zu Lump: „Lump braucht eine Höhle.“ Zu Eddi: „Eddi braucht den Teich und seine Frösche.“ Zu Caius: „Caius braucht einen wissenschaftlich nachweisbar kühlen Untergrund.“ Schließlich sah er Bautz an. „Und du brauchst offenbar eine Wasserschale unter einem schattenspendenden Trampolin für eine einzige Pfote.“ Bautz blickte auf seine Pfote. „Die andere kommt später dran.“ Ajax nickte. Das war zumindest konsequent.
Am Ende dieses heißen Nachmittags lag die Dackelbande deshalb nicht an einem einzigen Ort zusammen. Gaius schlief unter seinem Haselstrauch zwischen den Stöcken, Lump schnarchte unter der Bank, Caius lag hinter der Steinmauer, und Eddi bewachte im Schatten das Ufer, wo er gelegentlich einen Frosch ins Wasser springen ließ. Bautz ruhte zufrieden in seiner Mulde unter dem Trampolin, inzwischen mit der anderen Pfote in der Wasserschale. Und Ajax lag wieder unter der großen Buche. Dort wehte gegen Abend endlich ein ganz leichter Wind über die Verfassungswiese. Ajax hob die Nase in die Luft, schloss die Augen und dachte, dass die Dackelbande an diesem Tag etwas Wichtiges gelernt hatte.
Das coolste Plätzchen ist nicht dort, wo alle liegen wollen.
Es ist dort, wo ein Dackel im Schatten liegt, Wasser in der Nähe hat und klug genug ist, bei Hitze einfach einmal nichts zu tun.
Und Bautz hätte vermutlich ergänzt: Eine Pfote im Wasser kann dabei keinesfalls schaden…….

