Kann ich! – Aber muss ich?
Es war wieder ein wunderschöner Samstagmorgen auf der Verfassungswiese. Die Sonne stand noch nicht besonders hoch, das Gras war angenehm kühl, und über dem Teich lag jene friedliche Stimmung, die gewöhnlich ungefähr so lange anhielt, bis der erste Dackel auf eine Idee kam.
An diesem Morgen war es Bautz.
Bautz stand vor einem umgestürzten Baumstamm und betrachtete ihn aufmerksam. Der Stamm war nicht besonders hoch. Für einen Dackel allerdings war er hoch genug, um interessant zu sein.
„Da kann ich hoch“, stellte Bautz fest.
Lump kam heran und sah ebenfalls hinauf.
„Natürlich kannst du da hoch.“
„Und ich kann auf der anderen Seite wieder runterspringen.“
Lump dachte kurz nach.
„Das kannst du wahrscheinlich auch.“
Damit war die Sache für Bautz eigentlich entschieden.
Er nahm Anlauf.
„Halt!“
Die Stimme kam von Ajax.
Ajax lag einige Meter entfernt im Gras, hatte aber offenbar jedes Wort gehört. Das war eine seiner besonderen Fähigkeiten. Ajax konnte schlafen und gleichzeitig Dinge überwachen. Jedenfalls behauptete er das.
Bautz blieb stehen.
„Was denn?“
„Warum willst du da herunterspringen?“
Bautz sah Ajax verständnislos an.
„Weil ich es kann.“
Ajax hob langsam den Kopf.
„Das ist eine bemerkenswerte Begründung.“
Inzwischen waren auch Gaius, Caius, Ares und Eddi herangekommen.
Gaius betrachtete den Baumstamm.
„Ich könnte da auch hoch.“
„Ich ebenfalls“, sagte Caius.
Lump sprang mit den Vorderpfoten gegen den Stamm.
„Ich sowieso.“
Eddi interessierte der Baumstamm weniger. Er hatte gerade am Teich einen Frosch entdeckt und hoffte sehr, diesen durch konzentriertes Hinterherlaufen zu einem Sprung ins Wasser bewegen zu können.
Ares setzte sich neben Ajax.
„Was ist denn hier die Frage?“
„Die Frage“, erklärte Ajax, „lautet offenbar: Sollte ein Dackel alles tun, was er körperlich kann?“
„Ja“, sagte Bautz sofort.
„Nein“, sagte Ajax.
„Manchmal“, sagte Ares.
„Wenn es Spaß macht“, sagte Lump.
„Wenn ein Stock oben liegt“, sagte Gaius.
Alle sahen ihn an.
„Was denn?“, fragte Gaius. „Dann muss man doch hoch.“
Damit war die große philosophische Debatte der Dackelbande eröffnet.
Bautz vertrat die sogenannte Kann-ich-also-mach-ich-Theorie.
„Ein Dackel hat vier Beine“, erklärte er. „Wenn er irgendwo hochkommt, ist das offensichtlich dafür gedacht, dass er dort hochkommt.“
Ajax legte den Kopf schief.
„Du kommst auch auf das Sofa.“
„Eben.“
„Und auf einen Stuhl.“
„Natürlich.“
„Und vermutlich auf einen Tisch, wenn dort Leberwurst liegt.“
Bautz überlegte.
„Das hängt von der Menge der Leberwurst ab.“
„Aber folgt daraus, dass du täglich zwanzigmal vom Tisch springen solltest?“
Bautz schwieg.
Das war ein unangenehm gutes Argument.
Nun mischte sich Caius ein.
„Wir Dackel sind nun einmal besonders gebaut.“
Das stimmte.
Die Dackelbande betrachtete sich gegenseitig.
Kurze Beine.
Langer Körper.
Sehr langer Körper.
Bei Lump durch das etwas wuschelige Fell optisch sogar noch ein bisschen mehr Körper.
„Wir sind hervorragend gebaut“, stellte Lump vorsichtshalber klar.
„Selbstverständlich“, sagte Ajax. „Aber hervorragende Konstruktionen haben ebenfalls Betriebsanleitungen.“
Das gefiel Caius.
„Wir sind also gewissermaßen Hochleistungsfahrzeuge?“
„Mit sehr geringer Bodenfreiheit“, ergänzte Ares.
„Und Allradantrieb“, sagte Bautz.
„Und ausgezeichnetem Fahrwerk“, sagte Gaius.
In diesem Augenblick kam Eddi vom Teich zurück.
„Der Frosch ist gesprungen.“
„Ins Wasser?“, fragte Ares.
Eddi strahlte.
„Natürlich.“
Damit war für Eddi ein wesentlicher Teil des Tages bereits erfolgreich verlaufen.
Ajax setzte sich nun aufrecht hin.
„Ein Dackelrücken ist lang. Deshalb muss ein vernünftiger Dackel nicht erst warten, bis ihm etwas wehtut. Er sollte schon vorher überlegen, welche Bewegungen seinem Rücken auf Dauer guttun.“
Bautz sah wieder zum Baumstamm.
„Aber einmal springen?“
„Darum geht es nicht.“
„Zweimal?“
„Bautz.“
„Ich frage nur.“
Ajax erklärte, dass Rennen gut sei. Schnüffeln sei ausgezeichnet. Spazierengehen sei hervorragend. Buddeln sei eine alte dackelrechtliche Kernkompetenz. Schwimmen könne – wenn man es beherrsche – ebenfalls wunderbar sein.
Bei diesem Punkt richtete Ajax sich ein wenig stolzer auf. Schließlich schwamm er selbst wie ein kleiner dunkelhaariger Otter.
Problematischer seien dagegen ständig wiederholte hohe Sprünge, steile Treppen und Bewegungen, bei denen ein langer Dackelrücken immer wieder unnötig stark belastet werde.
Lump war skeptisch.
„Aber wenn ich vom Sofa springen kann, warum sollte ich es nicht tun?“
„Weil“, sagte Ajax, „zwischen können und sollen ein ziemlich großer Unterschied liegt.“
„Wie groß?“
Ajax dachte nach.
„Ungefähr so groß wie zwischen einem Stück Leberwurst und der ganzen Leberwurst.“
Jetzt verstanden es alle.
Gaius setzte sich.
„Man könnte also sagen: Nur weil etwas heute funktioniert, heißt das nicht, dass es eine gute Idee für die nächsten zehn Jahre ist.“
Ajax sah ihn anerkennend an.
„Ganz genau.“
Bautz betrachtete noch immer den Baumstamm.
Dann lief er hin, kletterte vorsichtig hinauf und stand oben.
„Seht ihr!“
„Sehr schön“, sagte Ajax.
Bautz schaute auf der anderen Seite hinunter.
Der Sprung wäre möglich gewesen.
Ganz eindeutig.
Bautz konnte das.
Er dachte kurz nach.
Dann drehte er sich um und kletterte auf demselben Weg wieder herunter.
Unten angekommen, sah er Ajax an.
„Ich hätte springen können.“
„Das weiß ich.“
„Ich wollte nur nicht.“
„Noch besser.“
Bautz war sichtlich zufrieden. Denn etwas nicht zu tun, obwohl man es konnte, erwies sich überraschenderweise ebenfalls als eine Fähigkeit.
Lump wollte das sofort ausprobieren.
Er entdeckte einen großen Stein.
„Da könnte ich hochspringen.“
„Ja.“
Lump ging daran vorbei.
„Hab ich nicht gemacht!“
„Hervorragend“, sagte Ares.
Gaius entdeckte einen langen Stock unter einer niedrigen Böschung.
„Da könnte ich runterspringen.“
Er nahm den ungefährlichen Weg außen herum und holte den Stock trotzdem.
„Das funktioniert ja wirklich!“
Caius fand, dass man diese Erkenntnis unbedingt festhalten müsse.
Eddi hingegen hatte längst wieder einen Frosch entdeckt.
Er schlich langsam näher.
Der Frosch sah Eddi.
Eddi sah den Frosch.
Der Frosch sprang ins Wasser.
Eddi blieb am Ufer stehen und wedelte glücklich.
„Und ich hätte hinterherspringen können!“
Ajax nickte.
„Du lernst schnell.“
Am Nachmittag lagen schließlich alle Dackel gemeinsam im Gras. Bautz kaute auf einem kleinen Zweig, Gaius bewachte seinen Stock, Lump lag auf dem Rücken, Eddi beobachtete den Teich, und Ajax blickte zufrieden über seine Dackelbande.
„Also“, fragte Ares, „was haben wir heute gelernt?“
Bautz hob den Kopf.
„Dass ein Dackel nicht alles machen muss, was er kann.“
„Richtig.“
Gaius ergänzte: „Und dass man seinen Rücken schützen sollte, bevor er einem sagen muss, dass man ihn hätte schützen sollen.“
Ajax nickte.
Dann sagte er:
„Klug ist nicht der Dackel, der beweist, was sein Rücken alles aushält. Klug ist der Dackel, der dafür sorgt, dass sein Rücken möglichst lange gar nichts beweisen muss.“
Die anderen dachten darüber nach.
Dann fügte Lump hinzu:
„Aber Leberwurst dürfen wir weiterhin essen?“
Ajax sah ihn ernst an.
„Lump, wir sprechen heute über den Rücken. Man muss die großen Fragen der Dackelwelt nacheinander behandeln.“
Und damit war die Sache für diesen Samstag abschließend geklärt.

