Gaius und seine Stöcke
Auf der Verfassungswiese gibt es viele Dinge, über die sich ein Dackel freuen kann: spannende Mäuselöcher, den Duft frisch gemähter Wiesen, Frösche am Teich, die Eddi mit großer Begeisterung ins Wasser hüpfen lässt, und natürlich unzählige Stöcke. Für Gaius allerdings sind Stöcke nicht einfach nur Stöcke. Sie sind kleine Schätze.
Schon von weitem erkennt Gaius einen besonders guten Fund. Während andere Dackel nur einen Ast sehen, entdeckt er einen prächtigen, geraden Haselstock, einen elegant geschwungenen Weidenzweig oder einen beinahe dackellangen Eichenast. Je länger ein Stock ist, desto glücklicher wird Gaius. Mit hoch erhobenem Kopf und erstaunlichem Gleichgewicht trägt er selbst die längsten Exemplare quer über die Wiese. Dass er dabei gelegentlich links und rechts gegen einen Busch, einen Baum oder den einen oder anderen überraschten Dackel stößt, nimmt er mit großer Gelassenheit hin. Große Schätze brauchen eben Platz.
Auf der Verfassungswiese besitzt Gaius inzwischen seinen ganz persönlichen Stockplatz. Dort liegt ein beeindruckender Haufen aus langen Ästen, sorgfältig übereinandergeschichtet. Niemand weiß genau, wie viele Stöcke es inzwischen sind. Gaius wahrscheinlich auch nicht. Aber jeder neu gefundene Ast wird aufmerksam begutachtet und anschließend mit sichtbarem Stolz obenauf gelegt.
Lump kann diese Leidenschaft durchaus nachvollziehen. Zwar sammelt er nicht ganz so ausdauernd, doch wenn ihm ein besonders schöner Stock begegnet, trägt auch er ihn voller Begeisterung zu seinem eigenen kleinen Haufen. Dieser liegt nur wenige Meter neben dem von Gaius. Zwischen beiden Stapeln besteht allerdings ein deutlicher Größenunterschied. Lumps Sammlung wirkt ordentlich und überschaubar. Der Haufen von Gaius dagegen gleicht inzwischen eher einem kleinen Holzhaufen, wie ihn ein Förster für den Winter anlegen würde.
Hin und wieder treffen sich die beiden Dackel zu einer Art stiller Ausstellung. Dann stehen sie nebeneinander und betrachten ihre Sammlungen. Lump nickt anerkennend, wenn Gaius einen außergewöhnlich langen Ast gefunden hat. Gaius wiederum schaut höflich auf Lumps Stapel und scheint sich ehrlich über jeden Neuzugang zu freuen. Konkurrenz kennen die beiden nicht. Jeder freut sich über einen gelungenen Fund des anderen.
Die übrigen Mitglieder der Dackelbande beobachten das Schauspiel meist schmunzelnd. Ajax erklärt gelegentlich mit professoraler Miene, dass das Sammeln von Stöcken vermutlich ein uraltes kulturgeschichtliches Verhalten der Dackel sei. Ob das wissenschaftlich stimmt, weiß niemand. Gaius interessiert sich dafür ohnehin nicht. Er hat gerade am anderen Ende der Wiese einen Ast entdeckt, der mindestens doppelt so lang ist wie er selbst.
Mit entschlossenen Schritten marschiert er los, packt den gewaltigen Stock in der Mitte und beginnt den Rückweg. Mehrmals bleibt der Ast zwischen Gräsern hängen, einmal verkeilt er sich zwischen zwei jungen Birken, und kurz vor dem Ziel dreht sich Gaius versehentlich einmal vollständig um die eigene Achse. Schließlich erreicht er dennoch seinen Haufen. Feierlich legt er den neuen Schatz obenauf.
Lump betrachtet das Werk einen Moment, wedelt anerkennend mit dem Schwanz und sagt schließlich mit einem leisen Dackelblick, der mehr ausdrückt als tausend Worte: *„Der ist wirklich lang.“*
Gaius setzt sich stolz neben seinen riesigen Stockhaufen, blickt zufrieden über die Verfassungswiese und ist überzeugt, dass dies der schönste Platz der Welt ist. Zumindest so lange, bis irgendwo am Horizont der nächste lange Stock darauf wartet, entdeckt zu werden.
Ajax hatte das ganze Schauspiel aus sicherer Entfernung beobachtet. Er räusperte sich, setzte seinen ernstesten Professorenblick auf und erklärte: „Nach eingehender wissenschaftlicher Untersuchung komme ich zu folgendem Ergebnis: Ein Dackel kann niemals zu viele Stöcke besitzen. Er kann lediglich zu wenig Platz für seine Stöcke auf der Verfassungswiese haben.“
Lump blickte zu seinem kleinen Stockhaufen, dann zu Gaius‘ gewaltigem Holzberg und nickte nachdenklich.
Gaius wedelte zufrieden mit dem Schwanz.
Offenbar hatte der Professor vollkommen recht. Nur eines stand ebenfalls fest: Sollte morgen irgendwo ein noch längerer Stock liegen, würde der wissenschaftliche Beweis sofort um ein weiteres Exemplar ergänzt werden.

