Sprache, Verhalten, Gewicht – Probleme von Kinder vor der Einschulung in SH
Der KN-Artikel vom 28.11.2025 “ Sprache, Verhalten, Gewicht: Diese Probleme haben Kinder in SH vor der Einschulung“ zeigt auf, dass die Schulanfänger in Schleswig-Holstein zu einem erheblichen Teil nicht mehr „schulreif im klassischen Sinne“ sind, sondern bereits zum Einschulungszeitpunkt einen Bündel von Risiken mitbringt.
Was der KN-Artikel über die heutigen Schulkinder aussagt
a) Datengrundlage
Der Artikel bezieht sich ausdrücklich auf den aktuellen Bericht „Im Fokus – Kindergesundheit in Schleswig-Holstein“ (Schuleingangsuntersuchungen S1, Untersuchungsjahr 2023/24).(schleswig-holstein.de)
Wesentliche Punkte aus Artikel und Bericht:
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Fast jedes vierte Kind weist vor der Einschulung Schwächen in der Sprachkompetenz auf.(KN – Kieler Nachrichten)
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Jungen sind deutlich häufiger von Entwicklungsdefiziten betroffen als Mädchen – sowohl bei Sprache als auch bei Motorik und Verhalten.(KN – Kieler Nachrichten)
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Die Schuleingangsuntersuchungen erfassen u. a.:
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Gewicht/BMI (Übergewicht, Adipositas, Untergewicht)
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Sehen und Hören
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Grobmotorik und Koordination (SOPESS-Test)
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Sprachentwicklung und Sprachkompetenz
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Verhaltensauffälligkeiten / psychische Belastungen (SDQ-Fragebogen)(schleswig-holstein.de)
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Der Artikel fasst diese Ergebnisse medial zugespitzt zusammen („Sprache, Verhalten, Gewicht“) und legt einen Fokus auf die politisch brisanten Befunde: Sprachdefizite, Konzentrationsprobleme, Übergewicht und die stärkere Betroffenheit von Jungen.(KN – Kieler Nachrichten)
b) Aussage über die Kohorte der Schulanfänger
Aus der Kombination von Bericht und Artikel lässt sich inhaltlich Folgendes ableiten:
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Hoher Anteil mit schulrelevanten Entwicklungsdefiziten
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Wenn rund 25 % der Kinder mit Schwächen in der Sprachkompetenz eingeschult werden, ist das kein Randphänomen, sondern betrifft eine substanzielle Minderheit.(KN – Kieler Nachrichten)
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Hinzu kommen Kinder mit Auffälligkeiten bei Motorik, Koordination, Verhalten und psychischer Gesundheit; die Berichte sprechen von einer spürbaren Verschiebung hin zu mehr Auffälligkeiten in mehreren Bereichen gleichzeitig.(schleswig-holstein.de)
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Kumulation von Problemlagen
Schuleingangsdaten aus verschiedenen Ländern zeigen, dass Sprachauffälligkeiten häufig mit anderen Risiken kumulieren:-
geringerer Bildungsstand der Eltern
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Migrationshintergrund / mehrsprachige Haushalte ohne systematische Sprachförderung
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Armutsrisiko und beengte Wohnverhältnisse
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hoher Medienkonsum, wenig gelenkte Interaktion.(Dortmund)
Es ist also nicht „die Sprache allein“, sondern ein Cluster aus sozialen, gesundheitlichen und entwicklungsbezogenen Faktoren.
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Deutlicher Geschlechtereffekt (Jungen)
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Die Auswertung der Schuleingangsuntersuchungen in mehreren Bundesländern zeigt seit Jahren: Jungen sind bei Sprachauffälligkeiten überrepräsentiert und zeigen häufiger motorische und Verhaltensprobleme.
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Forschung und Gesundheitsdienste verweisen darauf, dass Jungen im Vorschulalter stärker auf Bewegungsangebote reagieren, während Mädchen eher verbale und beziehungsorientierte Settings nutzen – viele Kitas sind sprachlich, aber nicht motorisch und alltagsnah genug auf Jungen zugeschnitten.
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Gesundheitliche Risiken: Übergewicht und Bewegungsmangel
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Landes- und Bundesberichte zeigen, dass bereits bei den Schulanfängern 10 % und mehr übergewichtig oder adipös sind; in einigen Ländern nimmt der Anteil zu.(DIE WELT)
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Der KN-Artikel greift dies unter der Überschrift „zu dick“ auf: Es geht nicht um kosmetische Fragen, sondern um erhöhte langfristige Gesundheitsrisiken (Diabetes, Orthopädie, Herz-Kreislauf) und reduzierte Belastbarkeit im Schulalltag.
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Psychische und soziale Belastungen
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Die Gesundheitsberichte betonen ausdrücklich die Folgen der COVID-19-Pandemie auf psychische Gesundheit, Bewegungsverhalten und soziale Kompetenzen der Kinder.(schleswig-holstein.de)
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Lehrkräfte und Verbände melden einen Anstieg von Konzentrationsproblemen, emotionalen Auffälligkeiten und sozialer Unsicherheit bereits in den ersten Schuljahren.(DIE WELT)
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Der Artikel signalisiert, dass ein relevanter Teil der Kinder in Schleswig-Holstein mit deutlich eingeschränkter Sprachfähigkeit, erhöhter gesundheitlicher Risikolage und Entwicklungsverzögerungen eingeschult wird. Die Schule wird damit zunehmend zur kompensatorischen Institution für Defizite, die ursprünglich im Vorschul- und Familienbereich hätten aufgefangen werden sollen.
c) Implizite Botschaft des Artikels
Der KN-Artikel transportiert – erkennbar auch durch die verlinkte Kommentierung („Eltern dürfen die Verantwortung nicht abgeben“) – im Kern drei Botschaften:
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Die Defizite sind real und quantitativ relevant.
Es handelt sich nicht um „gefühlte“ Probleme einzelner Lehrer, sondern um systematisch erhobene ärztliche Daten. -
Familien tragen eine zentrale Mitverantwortung.
Die Gesundheitsministerin erwartet erkennbar mehr aktive Sprach- und Gesundheitsförderung im Elternhaus; der Artikel rückt Elternverantwortung und Medienkonsum ins Blickfeld.(KN – Kieler Nachrichten) -
Kita- und Schulsystem geraten an Belastungsgrenzen.
Parallel berichten andere Medien von steigenden Anforderungen an Schulen (Integration, Inklusion, psychische Auffälligkeiten), während Personal und Ressourcen knapp sind.(DIE WELT)
Damit entsteht der Widerspruch zu den Versprechen der 1990er-Jahre: „Alle in die Kita – dann sind sie gut vorbereitet.“
Historische Perspektive: „Alle Kinder in die Kita“ als Leitbild seit ca. 30 Jahren
a) Rechtlicher Rahmen Anfang der 1990er: KJHG / SGB VIII und Rechtsanspruch
Mit dem Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG, heute SGB VIII) wurde zum 01.01.1991 in den alten und zum 03.10.1990 in den neuen Bundesländern die Kinder- und Jugendhilfe neu geregelt. Kernpunkt:
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§ 24 KJHG / § 24 SGB VIII:
Kinder vom vollendeten 3. Lebensjahr bis zum Schuleintritt erhielten einen Rechtsanspruch auf den Besuch eines Kindergartens, einklagbar als individueller Anspruch.(Deutsche Nationalbibliothek)
Eine vom Deutschen Jugendinstitut erstellte Konzeption für den Nationalen Bildungsbericht fasst Anfang der 2000er die damalige gesetzgeberische Intention wie folgt zusammen (inhaltlich paraphrasiert):
Der Gesetzgeber geht davon aus, dass das Recht eines jeden Kindes auf Förderung seiner Entwicklung und Erziehung bei 3- bis 6-jährigen ohne institutionelles Angebot nicht befriedigend gewährleistet werden kann.(Deutsche Nationalbibliothek)
Das ist exakt die dogmatische Figur, nach der Familie allein als Bildungsort nicht mehr ausreicht; Kindergarten wird faktisch zur notwendigen Ergänzung, teilweise zur Voraussetzung für die Umsetzung des kindlichen Bildungsrechts.
b) Bundestagsdebatten Anfang der 1990er: Kindergarten als Regelangebot für alle
In der Plenardebatte des Deutschen Bundestages vom 21.03.1991 (12. Wahlperiode) erklärt ein Regierungsvertreter – Bezug auf die Koalitionsvereinbarung – u. a.:
„Jedes Kind – dessen Eltern dies wünschen – soll in Zukunft einen Kindergartenplatz bekommen. Dieses Recht wird für 3- bis 6-jährige Kinder im Kinder- und Jugendhilfegesetz verankert werden. […]“
In derselben Debatte wird der Achte Jugendbericht zitiert, der Kindergartenplätze als Teil einer präventiven Jugendhilfestrategie versteht, mit deutlicher Priorität für vorbeugende Hilfen (also nicht nur Betreuung, sondern Bildung und Erziehung).
Zusammengefasst:
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Politischer Konsens Anfang der 1990er:
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Kindergarten soll für jedes Kind verfügbar sein (Rechtsanspruch 3–6 Jahre).
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Kindergarten ist nicht nur Betreuung, sondern erster Baustein der Bildungsbiographie.
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Präventive Wirkung: bessere Startchancen, Abbau sozialer Ungleichheit.
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Damit verschiebt sich das Leitbild von „die Mutter erzieht zu Hause“ hin zu „das Kind hat ein Recht auf institutionalisierte frühe Bildung“.
c) Fachliche Leitbilder schon davor: Kindergarten als erste Stufe des Bildungswesens
Bereits der Deutsche Bildungsrat und die Bildungspolitik der 1960er/70er-Jahre propagierten die systematische Vorschulerziehung:
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Der „Strukturplan für das Bildungswesen“ (1970) verlangte Priorität für den Ausbau der Vorschulerziehung als erste Stufe des Bildungswesens.(Pedocs)
Diese Linie wird in späteren Regierungs- und Expertenpapieren immer wieder aufgegriffen; etwa formuliert eine BMFSFJ-Broschüre zu Kindern in Tageseinrichtungen ca. 2002 explizit:
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„So verstanden ist der Kindergarten die erste Stufe unseres Bildungswesens.“
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Der Bundestag habe mit der Änderung des § 24 KJHG den Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz gesetzlich verankert und den bedarfsgerechten Ausbau der Betreuung auch für andere Altersgruppen festgelegt.(BMBFSFJ)
Das Leitbild lautet damit: Kindergarten = Bildungsinstitution, nicht bloß Betreuungsort.
d) Studien und ökonomische Argumentationen (Datenbasis aus 1990er-Jahrgängen)
Explizit bildungsökonomische oder längsschnittliche Studien, die die Effekte des Kindergartenbesuchs statistisch analysieren, sind überwiegend ab den 2000er-Jahren erschienen, nutzen aber Geburtsjahrgänge der 1990er:
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Seyda (2009), „Kindergartenbesuch und späterer Bildungserfolg“, auf Basis des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP):
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Untersucht den Einfluss der Dauer des Kindergartenbesuchs auf den späteren besuchten Schultyp in Westdeutschland.
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Kommt zu dem Ergebnis, dass eine längere Kindergartenzeit signifikant höhere Bildungsabschlüsse begünstigt, auch bei Kontrolle familiärer Faktoren.(ResearchGate)
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Fritschi / Oesch (2008), „Volkswirtschaftlicher Nutzen von frühkindlicher Bildung in Deutschland“ (Bertelsmann-Stiftung):
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Kalkuliert volkswirtschaftliche Effekte einer höheren Inanspruchnahme früher institutioneller Betreuung (Geburtsjahrgänge 1990–1995).
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Ergebnis: Frühkindliche Bildung senkt langfristig Sozialausgaben und erhöht Steueraufkommen; Investitionen rechnen sich gesamtwirtschaftlich.(Bertelsmann Stiftung)
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Diese Studien unterfüttern die politische Grundannahme der frühen 1990er:
Institutionalisierte frühkindliche Bildung verbessert durchschnittlich Bildungschancen und ist volkswirtschaftlich rational.
Wenn man den KN-Artikel und die aktuellen Gesundheitsberichte mit den Leitbildern der 1990er vergleicht, ergibt sich:
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Damals (Beginn der 1990er):
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Rechtspolitische Setzung: Kindergartenbesuch für 3–6-Jährige ist notwendig, damit das „Recht auf Förderung“ effektiv gewährleistet werden kann.(Deutsche Nationalbibliothek)
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Politischer Konsens: Möglichst alle Kinder sollen – zumindest im Alterssegment 3–6 – eine Kita besuchen; Familie allein gilt als nicht ausreichend verlässlicher Bildungsort.
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Erwartung: Frühkindliche institutionelle Bildung gleicht soziale Unterschiede aus und führt zu besser vorbereiteten Schulanfängern.
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Heute:
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Kita-Besuchsquoten bei 3- bis 6-Jährigen liegen bundesweit deutlich über 90 %. Trotzdem zeigen Schuleingangsuntersuchungen anhaltend hohe und teilweise steigende Anteile an Kindern mit Sprach-, Gesundheits- und Entwicklungsdefiziten.(bvoegd.de)
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Die Probleme sind nicht verschwunden, sondern haben sich verschoben:
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von der Frage „Kind überhaupt in den Kindergarten?“
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zur Frage „Qualität, Intensität und Zielgenauigkeit der Förderung in Kita und Familie“.
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