Wenn Polizeibeamte am Rechtsvollzug zweifeln – Eine Buchempfehlung
Die Polizei – Fundament von Rechtsstaat, Demokratie und öffentlicher Ordnung
Der freiheitliche Rechtsstaat lebt nicht allein von guten Gesetzen. Er lebt vor allem davon, dass das geltende Recht unabhängig, gleichmäßig und wirksam angewendet und durchgesetzt wird. Das Gewaltmonopol des Staates, das dem Schutz der Freiheit und der Sicherheit aller Bürger dient, wird im täglichen Leben in erster Linie durch die Polizei wahrgenommen.
Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte stehen dabei in einer besonderen verfassungsrechtlichen Verantwortung. Sie schützen Leben, Freiheit und Eigentum, gewährleisten die öffentliche Sicherheit und Ordnung und setzen gerichtliche sowie behördliche Entscheidungen durch. Zugleich sind sie selbst streng an Gesetz und Recht gebunden. Ihre Legitimation beruht nicht auf politischer Opportunität, sondern auf dem Rechtsstaatsprinzip des Art. 20 Abs. 3 GG. Gerade diese Bindung an das Recht unterscheidet den demokratischen Rechtsstaat von autoritären Systemen.
Der Rechtsstaat gerät jedoch unter Druck, wenn zwischen geltendem Recht und dessen tatsächlicher Durchsetzung eine dauerhafte Lücke entsteht. Gesetze verlieren ihre ordnende Wirkung, wenn sie zwar bestehen, aber nicht konsequent vollzogen werden. Für die Bürger bedeutet dies einen Vertrauensverlust in die Handlungsfähigkeit staatlicher Institutionen. Für Polizeibeamte kann daraus ein erheblicher beruflicher Konflikt entstehen: Sie sind verpflichtet, Recht durchzusetzen, erleben aber zugleich Situationen, in denen sie den Eindruck gewinnen, dass bestehende Normen aus politischen, organisatorischen oder tatsächlichen Gründen nicht oder nur eingeschränkt vollzogen werden.
Genau an diesem Punkt setzt das Buch „Wir verlieren dieses Land – Polizisten erzählen, worüber niemand offen spricht“ an. Es erhebt nicht den Anspruch, eine wissenschaftliche Untersuchung oder eine vollständige Analyse der Sicherheitslage vorzulegen. Vielmehr dokumentiert es die Wahrnehmungen und Erfahrungen von Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten, die nach Darstellung der Autorin zunehmend an ihrer Aufgabe zweifeln, weil sie eine Diskrepanz zwischen geltendem Recht und dessen praktischer Durchsetzung erleben.
Ob diese Einschätzungen im Einzelnen zutreffen, bedarf einer sorgfältigen Überprüfung anhand empirischer Daten und rechtswissenschaftlicher Analysen. Gleichwohl verdienen die Erfahrungen derjenigen Beachtung, die den staatlichen Schutzauftrag täglich an vorderster Stelle wahrnehmen. Denn ein demokratischer Rechtsstaat ist darauf angewiesen, dass seine Institutionen funktionsfähig bleiben und dass diejenigen, die das Recht vollziehen, Vertrauen in dessen Wirksamkeit haben.
Das Buch lädt deshalb zu einer Debatte ein, die weder von politischen Vorurteilen noch von pauschalen Bewertungen geprägt sein sollte. Im Mittelpunkt steht vielmehr eine grundlegende rechtsstaatliche Frage: Wie kann gewährleistet werden, dass geltendes Recht nicht nur beschlossen, sondern auch gleichmäßig, wirksam und für alle nachvollziehbar vollzogen wird? Von der Antwort auf diese Frage hängen das Vertrauen in den Staat, die Akzeptanz demokratischer Institutionen und letztlich die Stabilität unserer freiheitlichen Verfassungsordnung ab.
„Wir verlieren dieses Land“ – Warum dieses Buch eine notwendige Debatte auslöst
Mit ihrem neuen Buch „Wir verlieren dieses Land – Polizisten erzählen, worüber niemand offen spricht“ legt die Investigativjournalistin Liv von Boetticher eine Recherche vor, die bereits wenige Tage nach ihrem Erscheinen intensive Diskussionen auslöst. Ausgangspunkt sind Gespräche mit zahlreichen Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten aus unterschiedlichen Bereichen des Polizeidienstes, deren Erfahrungen sie zu einem Gesamtbild der inneren Sicherheitslage in Deutschland verdichtet.
Zwischen Erfahrungswissen und Kriminalstatistik
Besonders interessant ist dabei weniger die politische Bewertung einzelner Themen als vielmehr die Frage, welche Rolle das Erfahrungswissen derjenigen spielt, die tagtäglich mit Kriminalität konfrontiert sind.
Polizeibeamte erleben Straftaten nicht als statistische Größe, sondern in ihrer konkreten Ausprägung. Dieses Erfahrungswissen unterscheidet sich naturgemäß von wissenschaftlichen Analysen oder der Polizeilichen Kriminalstatistik. Gerade deshalb verdient es Aufmerksamkeit.
Allerdings gilt ebenso:
Einzelne Erfahrungsberichte ersetzen keine empirische Forschung. Sie können Hinweise auf Entwicklungen geben, müssen aber anhand belastbarer Daten überprüft werden.
Innere Sicherheit als rechtsstaatliche Kernaufgabe
Unabhängig von politischen Positionen erinnert das Buch an einen grundlegenden verfassungsrechtlichen Ausgangspunkt:
Der Staat besitzt nach dem Grundgesetz die Aufgabe, Leben, Freiheit und Eigentum seiner Bürger wirksam zu schützen. Innere Sicherheit ist deshalb keine parteipolitische Nebensache, sondern Bestandteil des staatlichen Schutzauftrages.
Die Diskussion über Kriminalität, Migration oder Defizite staatlicher Institutionen darf deshalb weder tabuisiert noch emotionalisiert werden. Sie verlangt vielmehr eine nüchterne Analyse auf Grundlage überprüfbarer Tatsachen.
Die eigentliche Stärke des Buches
Die eigentliche Stärke des Buches liegt möglicherweise nicht darin, endgültige Antworten zu liefern.
Es zwingt vielmehr dazu, Fragen zu stellen:
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Stimmen öffentliche Wahrnehmung und amtliche Darstellung noch überein?
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Werden Probleme offen benannt oder aus politischen Gründen relativiert?
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Welche strukturellen Defizite sehen Polizeibeamte tatsächlich im Alltag?
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Welche Reformen wären erforderlich, um Polizei, Justiz und Verwaltung handlungsfähiger zu machen?
Diese Fragen sind legitim – unabhängig davon, wie man sie beantwortet.
Demokratische Debatte braucht Offenheit
In einer freiheitlichen Demokratie dürfen auch unbequeme Beobachtungen ausgesprochen werden.
Ebenso selbstverständlich müssen diese Beobachtungen kritisch hinterfragt, wissenschaftlich überprüft und in den gesamtgesellschaftlichen Kontext eingeordnet werden.
Gerade darin unterscheidet sich eine offene Gesellschaft von ideologisch geprägten Debatten: Nicht Meinungen werden unterdrückt, sondern Argumente werden geprüft.
Fazit
„Wir verlieren dieses Land“ ist weniger als abschließendes Urteil über den Zustand Deutschlands zu verstehen als vielmehr als Einladung, über innere Sicherheit, Migration, staatliche Handlungsfähigkeit und Rechtsstaatlichkeit neu nachzudenken.
Ob man die Schlussfolgerungen der Autorin teilt oder ihnen widerspricht – das Buch erreicht bereits jetzt ein wesentliches Ziel: Es bringt eine Debatte in Gang, die auf Grundlage von Fakten, rechtsstaatlichen Prinzipien und einer offenen Diskussionskultur geführt werden sollte.
